Freitag, 20. Januar 2012

Hinterm Horizont, Berlin

Jetzt fragt mich mal warum ich innerhalb von 1-2 Tagen entschieden habe am Wochenende spontan nach Berlin zu fahren.
Sollte tatsächlich Udo Lindenberg schuld sein? Hätte ich nicht vor ein paar Monaten noch Stein und Bein geschworen mir keine dieser "Udo-Musicals" anzugucken (Pfffff... mag sie beide überhaupt nicht! Oder)? Okay - Serkan Kayas Auftritte bei der "Sommernacht des Musicals" haben meinen Boykott-Willen eh schon bedenklich ins wanken gebracht - und als ich dann letzte Woche zum ersten Mal bewußt die "Hinterm Horizont" CD gehört habe, stürzte meine ganze Abwehr komplett ein. Die Musik ist mir "wie ein Hammer an die Mütze geflogen" - Ich hätte NIE gedacht, dass mir Lindenberg-Songs so gut gefallen würden. Von "Ich könnte ja vielleicht doch mal nach Berlin fahren" bis "Warum nicht gleich am Wochenende - Ich hab eh nix anderes vor" war kein langer Weg.
Ich sag nur:

Seid willkommen in Berlin!
Ihr Verrückten gehört da hin.
Komm, wir brauchen den Wahnsinn!
Ihr Fantasten überall, mit euphamanten größten Knall.
Und dann kriegen wir das gut hin.

Ich mag überhaupt sehr gerne Texte aus "Hinterm Horizont" zitieren - Vieles was Udo L. zu sagen hat ist nämlich gar nicht mal so blöd. Aber erstmal zurück zu Lü... äh zum Stück!


Worum gehts überhaupt?
Das Musical beginnt mit dem Lied "Mädchen aus Ostberlin" - In der Gegenwart stellt sich die Journalistin Mareike die Frage, ob es dieses Mädchen tatsächlich gab und stößt auf ein Foto, das Udo und eine gewisse "Jessy Schmidt" in inniger Umarmung zeigt. Sie beginnt zu recherchieren und interviewt besagte Jessy, die ihr ihre Geschichte erzählt. 
1983 lernt sie Udo Lindenberg kennen, der ein Konzert im Palast der Republik in Ostberlin geben darf. Für beide ist es die große Liebe, doch der Stasi sind Udo und seine DDR-kritischen Texte und seine lässig, verächtliche Art ein Dorn im Auge. Eine geplante Tour durch Ostdeutschland wird abgesagt und auch Jessy wird von der Regierung unter Druck gesetzt. So bleiben nur verschlüsselte Botschaften und ein heimliches Treffen in Moskau. Doch irgendwann beginnt der eiserne Vohang zu wackeln und im November 89 fällt die Mauer... Doch auch nach der Wiedervereinigung ist nicht alles so einfach!

Ich will jetzt auch nicht schon zu viel verraten. Klar ist: Das Musical erzählt ein Stück deutsche Geschichte und das auf sehr unterhaltsame Weise. 

 
Quelle: Youtube Kanal: Stage.TV

Songs:
Ich hab mich zu Beginn selber abgewürgt, aber ich möchte doch nochmal kundtun, dass ich ganz überrascht bin, wie vielschichtig die Texte sind. Wenn ich nun lese, dass Udo Lindenberg als "Rockpoet" bezeichnet wird, dann glaube ich das ab jetzt. Man mag über seine Nuschel-Masche schmunzeln, aber spätestens jetzt weiß ich, dass er es echt drauf hat! Ich würde mir vielleicht nicht unbedingt all seine CDs kaufen, aber von der "Theater am Potsdamer Platz" Cast CD kriege ich so schnell nicht genug!!!
Die Lieder sind sehr geschickt in die Handlung eingebaut. Im zweiten Drittel des ersten Akts war es mir ein bißchen dialoglastig. Doch insgesamt ist die Story stimmig und mitreißend. Die grandiosen Songs tun ihr übriges. Ich mag ja die "Rock-Musicals" eh besonders gerne und hier muss man sich schon oft zwingen sitzen zu bleiben und nicht aufzuspringen um mitzutanzen. Aber auch nachdenkliche, melancholische Lieder fehlen nicht, die einem mitunter eine riesen Gänsehaut auf die Arme zaubern.
Bei "Willkommen in Berlin" musste ich sogar ein zwei Rührungstränchen verdrücken. Das ging wirklich unter die Haut.

Kulisse/Kostüme:
Bei dem Lied werden Originalbilder von der Maueröffnung auf zwei große Leinwände projeziert, die einen mitten in den Wiedervereinigungstaumel ziehen. Grade diese Projektionen und die Mischung aus Originaleinspielern und nachgedrehten Szenen, die immer mal wieder eingebaut werden, machen das Musical zu einem besonderen Erlebnis.
Ansonsten ist die Kulisse meist... hm ja nicht einfach gehalten, aber doch eher nicht so spektakulär, wie bei manch andere Produktion. Einige Szenenbilder waren nicht so mein Fall. Der überdemensional große Lindenberg-Hut, auf dem die Darsteller zum Teil umher liefen, wirkte auf mich z.B. ein bißchen befremdlich. Auch die Kostüme und Perücken waren nicht immer meins. Die Mode der 80er war natürlich ohnehin ein Fall für sich und möglicherweise sind die Vokuhila-Frisuren tatsächlich authentischer als sie wirkten. Aus heutiger Sicht erscheint manches billig, aber die 80er waren wohl so und ich hab das nur total verdrängt. 

Foto: Brinkhoff/Mögenburg
Ist mir aber auch piepegal ob Jessy und Udo auf einem Hut stehen, während sie "Hinterm Horizont" singen oder sonst wo. Um es an diesem Beispiel festzumachen: Man vergisst das ganze Drum Herum sowieso!

Die Darsteller:
Neben den Liedern ist natürlich auch in diesem Stück die Cast wieder mal das Herzstück:


Serkan Kaya als Udo hat mich vom ersten Ton an total berührt. Ich hab mir echt gewünscht, dass er spielen würde. Das lag natürlich auch daran, dass er durch die CD-Aufnahme eine große Mitschuld an meiner Spontan-Berlin-Aktion hatte. Ich kann mir vorstellen, dass auch Michael Eisenburger seine Sache gut macht und Patrick Stamme, der im Stück einen Udo-Doppelgänger spielt, hat mir zumindest in der Double-Rolle auch nicht schlecht gefallen. Trotzdem - Ich hab mich riesig gefreut, dass Serkan auf der Besetzungsliste stand und ich wurde auch nicht enttäuscht - Im Gegenteil: Ihm gelang es einerseits Udo glaubhaft darzustellen, aber auch nicht zu übertrieben zu agieren. Ich glaube, dass ist eine echte Gratwanderung! Der obercoole-Brillen/Hut-Nuschel-Udo auf der einen Seite und der "normale Privatmensch" Udo auf der anderen Seite... Serkan hat beiden ein Gesicht gegeben und gesanglich haut er einen eh aus den Socken!

Besonders schön fand ich die Szene in der "Gegenwart" in der Udo ganz extrem seine Nuschel-Masche durchzieht und dann auf einmal mit ganz normaler Stimme sagt: "Ist doch völlig absurd, oder: Die Mauer! Ich mein Leute, das Ding stand hier! Zack: Ost - West - ist doch völlig absurd! Aber jetzt sind wir zusammen und jetzt müssen wir es nur noch hinkriegen die Reste der Mauer in unseren Köpfen wegzukloppen, oder?". 

Auch in der weiblichen Hauptrolle hatte ich die Hauptbesetzung: Josephin Busch. Da kann ich nur aus vollem Herzen sagen: PASST! Zum einen besticht Josephin durch eine wunderschöne Stimme und zum anderen nimmt man ihr das Berliner-Ostmädchen voll uns ganz ab. Das ist vermutlich auch kein Wunder, da sie selbst aus Pankow kommt.
Als ältere Jessy stand Christina Athenstädt auf der Bühne. Gesanglich hat sie mich erst nicht ganz so mitgerissen, aber später bei "Was hat die Zeit mit uns gemacht" mochte ich sie sehr gerne.

Besonders gut gefallen hat mir Lars Kempter als Jessys Sohn Steve. Ich muss zugeben, dass ich erstaunt war nach dem Stück seinen Namen auf der Besetzungsliste zu lesen. Erkannt hab ich ihn nicht - dabei hab ich ihn schon in zwei Stücken in Tecklenburg auf der Bühne gesehen. Spricht für seine Wandlungsfähigkeit :)
Gesangssoli hatte er bei "Im Arsch" und "Ganz Anders" und die mochte ich wieder sehr!

Auch alle weiteren Personen waren richtig gut besetzt. Es gibt soviele kleinere und größere Rollen, sodass es jetzt zu weit führen würde zu jedem was zu sagen. Die Besetzung kann sich jedenfalls sehen und hören lassen. Ich hoffe die oben fotografierte Liste hat nicht noch mehr Fehler. Denn wie "Sehnsuchts-Pendlerin" im Kommentar schon festgestellt hat: Der Minister und Prof. Scheuerlich können nicht von der selben Person dargestellt werden: Sie haben gemeinsame Szenen :)

Fazit:
Hinterm Horizont lohnt sich! Die Stärken des Stücks sind vorallem die Musik und die Darsteller. Das Musical hat ein paar klitzekleine Längen (die mir beim nächsten Mal vermutlich gar nicht mehr auffallen werden - ich kenn mich da schon!), die aber durch eine insgesamt sehr schöne und geschichtsträchtige Story wieder wett gemacht werden. Allen Unentschlossenen kann ich die CD ans Herz legen. Vielleicht stimmt ihr mir dann schon zu?! Jedenfalls hab ich meinen Ausflug an den Potsdamer Platz nicht eine Sekunde bereut! Das schreit nach Wiederholung :)


Kommentare:

  1. Joachim als Minster UND Prof. Scheußlich..äh Scheuerlich? Na das geht ja wohl nicht. Haben die sich bei den Listen wieder mal vertan. Lars Kemter als Steve???? Gott, da bin ich aber neidisch :O Ansonsten eine wundervolle Besetzung. Schreibst Du dazu einen Bericht? Mich würden mal andere Sichten auf das Stück interessieren :) Ich als Widerholungstäterin sehe das Stück ja mit anderen Augen.
    Liebe Grüße
    die Sehnsuchts-Pendlerin

    AntwortenLöschen
  2. Ich bin immer noch froh, dass es dir sogar schon beim 1. Mal gefallen hat. Ich wäre einem 3. Besuch nicht abgeneigt... Schöner Bericht! :)

    AntwortenLöschen
  3. Es heißt aber: "Ihr Fantasten überall, mit eurem charmanten größten Knall"

    AntwortenLöschen