Samstag, 20. Juli 2013

Sommernacht des Musicals in "Dingslaken"

Solisten:
Christian Alexander Müller
Jessica Kessler
Valerie Link
Rob Fowler
Maricel
Patrick Stanke


1. Music was my first Love (Alle)
2. Herzlich willkommen in den 60s aus Hairspray (Patrick Stanke, Jessica Kessler)
3. Billie Jean (Rob Fowler)
4. Rebecca aus Rebecca (Maricel, Valerie Link)
5. Junge (Christian Alexander Müller als Heino, Patrick Stanke)
6. More than Words (Background-Chor)
7. Defying Gravity (Patrick Stanke)
8. Wie ich bin aus Wicked (Valerie Link, Patrick Stanke)
9. Heißgeliebt aus Wicked (Valerie Link)
10. Mein Sinn für Stil aus Aida (Maricel)
11. Hammer to fall aus We will rock you (Jessica Kessler und Rob Fowler)
12. Eye of the Tiger (Rob Fowler und Patrick Stanke)
13. So much better aus Legally Blonde (Jessica Kessler)
14. Nur Liebe bleibt aus Rent (Alle)

Pause

15. Totale Finsternis aus Tanz der Vampire (Jessica Kessler, Christian Alexander Müller)
16. Medley als Straßenkünstler (Patrick Stanke)
17. Falling Slowly aus Once (Patrick Stanke und Valerie Link)
18. Sweet Transvestite aus Rocky Horror Show (Rob Fowler)
19. Gold von den Sternen aus Mozart (Maricel)
20. Nur für mich aus Les Miserables (Jessica Kessler)
21. Bring ihn Heim aus Les Miserables (Christian Alexander Müller)
22. Lied des Volkes aus Les Miserables (Alle)
23. Die Schatten werden länger aus Elisabeth (Rob Fowler und Patrick Stanke)
24. Ich gehör nur mir aus Elisabeth (Maricel)
25. Dies ist die Stunde aus Jekyll & Hyde als Reggae-Version (Patrick Stanke)
26. Denk an mich aus Phantom der Oper (Valerie Link)
27. 'Till I hear you sing aus Love never dies (Christian Alexander Müller)
28. Phantom der Oper aus Phantom der Oper (Valerie Link und Christian Alexander Müller)
29. Time Warp aus Rocky Horror Show (Alle)
30. We are the Champions aus We will rock you (Alle)

Freitag, 21. Juni 2013

Les Miserables, Magdeburg 2013 (Premiere)

Über meine Besuche in London habe ich vor einiger Zeit folgendes geschrieben:

"Für mich ist Les Misérables eins der schönsten Musicals die es gibt! Unglaublich emotional mit sehr vielen musikalischen Highlights (Mir gefällt sehr, dass es -wie früher üblicher als heute- komplett durchkomponiert ist). Dieses Musical ist ein Klassiker, der seines Gleichen sucht! Es wird wirklich Zeit, dass dieses Musical auch mal wieder in Deutschland gespielt wird."

Lange mussten wir uns gedulden, doch dieses Jahr kam hierzulande nicht nur die lang ersehnte Verfilmung in die Kinos, nein - endlich gibt es auch die Gelegenheit das Stück wieder Live zu erleben!
Das Theater Magdeburg zeigt vom 21.06-20.7.2013 eine Neuinszenierung des Schönberg/Boublil Stücks vor ganz besonderer Kulisse.

Freilichttheater haben immer eine eigene Atmosphäre. Das Domplatz Open Air findet direkt vor dem Magdeburger Dom statt. Das tolle Bühnenbild und die natürliche Bühnenumgebung ergänzen sich dabei aufs beeindruckenste. Von der Zuschauertribühne aus hat man sowohl die halbrunde Holzkonstruktion, als auch den Dom selbst im Blick, der durch Illumination der Fenster in die Handlung mit einbezogen wird.



Die Bühnenkonstruktion kann man durchaus als Geniestreich bezeichnen. Sie wird zum Teil auf drei Ebenen bespielt. Zwei Elemente können verschoben werden und geben den Blick z.B. auf das Innere von Fantines Zimmer oder den Raum des ABC Cafés frei, in dem die Stundenten ihren Aufstand planen. So ist die Kulisse auch ohne die übliche Drehbühne, wie man sie normalerweise im Stück verwendet, sehr wandelbar. Zusätzlich überzeugt die Inszenierung durch tolle Ideen. Bei "Morgen schon" stehen alle Darsteller auf verschiedenen Ebenen der Bühne. Im Verlauf des Liedes wird eine überdemensionlae Frankreichfahne über alle drei Ebenen gespannt, durch die im Gegenlicht die Silhouetten der Darsteller scheint - Ein wahnsinnig schöner Effekt. Ich liebe dieses Lied und kriege regelmäßig Gänsehaut. Als Liebhaber der Londoner Inszenierung fand ich es zwar ein bisschen schade, dass hier niemand auf der Stelle marschierte, was mir regelmäßig die Tränen in die Augen treibt. Aber ohne Drehbühne wäre dies wohl ohnehin nicht ganz so effektvoll - zudem war die hier gezeigte Szene sehr beeindruckend und stimmig, so dass ich erst gar nicht anfange zu vergleichen.

Unbezahlbare Special Effects schickte außerdem der Himmel, der ebenfalls ein Musicalfan sein muss. Das Stück begann um 21 Uhr bei strahlendem Sonnenschein. Im Verlaufe des Musicals konnte man den Himmel dunkler werden und den Mond aufgehen sehen. Im zweiten Akt wurde mancher Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne abgelenkt, als sich über den Zinnen des Doms ein Schauspiel ganz besonderer Art abspielte. Ein unglaublicher Vollmond kämpfte sich direkt über dem Kirchendach durch aufziehende Wolken und beschien das ergreifende Treiben auf der Bühne. Was für ein gruselig-schöner Anblick, der zusätzlich für meterdicke Gänsehaut sorgte. Auch die Turmuhr schien eine Oscarreife Nebenrolle zu spielen. Zusammen mit ein paar wohlplatzierten Regentropfen schlug sie Mitternacht als zum Ende des Stücks Jean Valjeans letztes Stündlein geschlagen hatte. 

Apropos Jean Valjean - Jetzt habe ich schon sehr viel über Kulisse und Bühnenbild geschrieben und noch nicht ein Wort über die Besetzung verloren. Es wird Zeit dies nachzuholen. Denn die Inszenierung überzeugt nicht nur mit "Äußerlichkeiten", sondern auch durch eine sehr gute Cast.
Im Vorfeld hatte ich einige Male gesagt, dass ich mir Thomas Borchert eher als Javert und weniger als Valjean vorstellen kann - Während des Stückes hat er mich eines Besseren belehrt. Sowohl gesanglich, als auch darstellerisch ist er der Rolle des Gefangenen 24601, der sich seinen Platz als Jean Valjean erkämpft durchaus gerecht geworden.
Auch Markus Liske, den ich bisher gar nicht kannte, überzeugt in seiner Rolle als ordnungstreuer und unerbittlicher Polizeichef und Gegenspieler Javert. Es war toll "Sterne/Stars" mal wieder in gewohnt klassischem Gewand zu hören (ohne dass ich jetzt kritisch über die Country/Rockstimme von Russel Crowe debattieren möchte).
Besonders berührt haben mich Bettina Mönch als Fantine und Christina Patten als Eponine. Ihre Haupttitel "Ich hab geträumt" und "Nur für mich allein" kenne ich schon seit ich musicalistisch denken kann und habe beide Lieder schon in sehr vielen Interpretationen gehört - von Heidi Brühl bis zu den unglaublichen Leading-Ladys im Westend - Und immer wieder ergreifen mich die Lieder aufs Neue. Beide Darstellerinnen zeichnen sich durch sehr angenehme Stimmen aus und auch ihr Spiel, besonders in den jeweiligen Todesszenen hat mich sehr mitgenommen.
Gott sei Dank gab es mit dem Gaunerpaar Thenardier (Peter Wittig und Gabriele Stoppel-Bachmann) auch immer wieder Szenen zum Schmunzeln, die den traurigen Grundtenor des Stücks ein bisschen auflockern.
Der freche Straßenjunge Gravoche wird aus Jugendschutzgründen in Magdeburg nicht mit einem kleinen Jungen besetzt, sondern wird von einer Frau gespielt. Zwei Darstellerinnen teilen sich diese Rolle und leider weiß ich nicht, ob bei der Premiere Sandra Pangl oder Maria Neumann auf der Bühne standen. Welche von beiden es auch war - Sie hat ihre Sache gut gemacht, auch wenn bei mir ein bisschen Wehmut aufkam, weil die Jungs in London jedesmal kleine Highlights waren.
Mit Cosette habe ich im allgemeinen und im besonderen immer wieder meine Schwierigkeiten. Die Rolle verlangt einen klassischen Sopran, der selten mein Fall ist. Ob im Film oder auf der Bühne - in meinen Ohren klingt Cosette leider immer sehr anstrengend. Teresa Sedlmair ist optisch ein sehr süßes Mädchen  und spielt mit der nötigen Anmut und Frische. Gesanglich lagen wir trotzdem nicht auf einer Wellenlänge, da sie die Rolle sehr operettenhaft anlegt. Das ist sicher gewollt, trifft aber leider nicht meinen persönlichen Geschmack.
Hingegen mochte ich die Barrikaden-Jungs um Anführer Enjolras (Marc Lamberty) - allen voran Oliver Arno als Marius mal wieder sehr! Man möchte gleich aufspringen und "Revolution" brüllen. Oliver ist mit Anfang 30 zwar eigentlich ein bisschen alt für den jugendlichen Revolutionär, wirkt aber sehr jung und gefällt mir auch gesanglich sehr gut. Eponines Tod (Der Regen) und vorallem seine Interpretation von "Dunkles Schweigen an den Tischen" war für mich ein echtes Highlight. Ich musste schwer schlucken, als er den Tod seiner Kameraden betrauert und dabei alle nochmal namentlich erwähnt. Das kannte ich in dieser Form nicht und hat mir jedesmal, wenn er einen Namen murmelte oder hinausschrie nochmal einen zusätzlichen Stich ins Herz versetzt. 


Eine gute Stelle sich zu fragen, wieso man ein Stück so liebt, das einen eigentlich permanent leiden lässt?! Ich weiß darauf keine andere Antwort, als die, die ich schon im Bezug auf London gegeben habe:  Les Misérables ist oft düster und bedrückend, aber es reißt einen auch emotional mit und es wirkt nachhaltig. Die Geschichte berührt einen und klingt noch lange nach. Dramatische, aber auch komische oder romantische Szenen sorgen dafür, dass man am Ende aufgewühlt aber auch zufrieden das Theater verlässt.
Es gibt Stücke, die einen unterhalten und es gibt Stücke, die man nie vergisst!

Magdeburg hat erheblich dazu beigetragen, dass ich mal wieder einen Les Miserables Rausch habe. *Hicks*. Ob nun in der Freilicht-Fassung auf deutsch oder im Londoner Original. Das Stück hat mich wieder voll in seinen Fängen! Wer die Gelegenheit hat, sollte sie ergreifen und sich ergreifen lassen!!! 


PS: Danke an Bianca, die mir netterweise ein Foto von der Premieren Cast-Liste zur Verfügung gestellt hat. Hier wird auch meine Frage nach Gravoche beantwortet :)
 

Montag, 3. Juni 2013

Donnerstag, 30. Mai 2013

Once, London

Tag 2 in London - Donnerstag, morgens kurz nach 9 Uhr. Mit Sandwich und Kaffee in der Hand gehe ich der Lieblingsbeschäftigung aller Briten nach: Ich reihe mich in eine Schlange ein und denke drüber nach, ob es deshalb immer mehr West-End Theater gibt, die bei der Vergabe von Dayseats mitmachen, weil man sich so schön dafür anstellen kann?
Nochmal kurz für alle: In London gibt es eine ganze Reihe *haha* von Theatern, bei denen man zur Kassenöffnung eine begrenzte Anzahl von Tickets für denselben Tag zum Schnäppchenpreis erwerben kann. Ich habe diese Möglichkeit in den letzten Jahren lieben gelernt. Denn in Zahlen heißt das: 40-60 Minuten warten, 1. Reihe, 25 Pfund. Man darf zwei Tickets pro Person kaufen. Wenn man also „Doppelshow hat“, kann man sich auch aufteilen und seine Reisebegleitung zu den Kriegspferden schicken…, während man selber am Phoenix-Theater für "Once" ansteht.


Eine knappe Stunde später ist der Plan für heute in trockenen Tüchern. 15 Uhr „Once“, 19:30 Uhr „War Horse“ (Letzteres für unfassbare 12 Pfund) und nun erst mal ab nach Covent Garden, wo man den Vormittag sehr schön verbringen kann.

 
Dort gibt es viel zu sehen. Lauter kleine, hübsche Geschäfte, (Floh)makthallen, Straßenkünstler und buntes Treiben. Mittags traditionell eine leckere Portion Fish & Chips und dann langsam seelisch auf den "Broken-Hearted-Hooverfixer-Sucker-Guy" vorbereiten und bloß nicht zu spät zum Theater gehen.

Once, London 30.05.2013 (Matinee) 
Warum die Eile? Ganz einfach: Wenn man pünktlich bei „Once“ im Theatersaal ist, dann ist man im Grunde schon zu spät. Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt schon mehr als nur Andeutungen verraten soll… Sagen wir mal so: Auf der Bühne ist schon so einiges los bevor es los geht und man kann das Theater auch mal von einer ganz anderen Perspektive betrachten. Deshalb rate ich dringend dazu mindestens eine halbe Stunde vor Beginn da zu sein!

Wie (fast) alle Theater, ist auch das Phoenix Theatre ein echtes Schmuckstück. Viel roter Samt, Gold, Verspiegelte Decken… Einfach wunderschön!


Es gibt zwei Balkone und Seiten-Boxen. Wer das Theater des Westens schön findet, der wird von den meisten Londoner Theatern hin und weg sein. Mir geht es jedenfalls immer so. Da stört es mich ausnahmsweise auch mal nicht, wenn die Ansteigung nicht sehr ausgeprägt ist und das Holz der Sessel manchmal knarzt. Das alles gehört zu London dazu und ich liebe dieses Feeling. Die erste Reihe ist recht nach an der Bühne, da es keinen Orchestergraben gibt. Den perfekten Blickwinkel hat man sicherlich 2-3 Reihen weiter hinten, aber die Höhe der Bühne ist erträglich und die Show entschädigt für die Nackenstarre. Im Ernst. Es gibt Theater, wo ich trotz günstiger Dayseats von der ersten Reihe abraten würde. Im Phoenix Theatre kann man aber noch recht angenehm sitzen.

Worum geht’s?
"Once" ist eine wunderschöne, kleine, feine, witzige, anrührende und durch und durch herzerwärmende "Guy meets Girl" Story. Er ist Musiker, befindet sich aber derzeit in einer Lebenskrise. Seine Freundin hat ihn verlassen, er hält sich finanziell über Wasser, indem er im Laden seines Vaters Staubsauger repariert ("Broken-hearted-hoover-fixer-sucker-guy"). Er ist kurz davor die Musik an den Nagel zu hängen. Doch dann begegnete er einer jungen Tschechin und sie verändert sein Leben auf ihre ganz besondere Art. Sie ermutigt ihn, weiter an sich und seine Musik zu glauben und bringt ihn dazu ein Demo Tape aufzunehmen. Durch die gemeinsame Liebe zur Musik kommen sich die beiden näher. Doch sie erkennt, dass es keine gemeinsame Zukunft geben kann, weil sie beide noch mit ihrer unabgeschlossenen Vergangenheit zu kämpfen haben.

Wie schon der Independent Film von 2006 ist auch das Musical ein Überraschungserfolg. Mich freut dabei besonders, dass hier kein großes Budget den Ausschlag für Preisregen und die Zuschauergunst gab, sondern einzig und allein die richtige Idee und Umsetzung.
Gestartet ist das Stück am OFF-Broadway. Also in eher kleinem, bescheidenen Rahmen. Doch Aufgrund großer Beliebtheit gelang der Sprung an den „richtigen“ Broadway und gewann letztes Jahr gleich 8 Tony Awards – Darunter der Award für das „Beste Musical“. Seit 2013 begeistert das Stück nun auch das Londoner Publikum. Und das -zum Glück- ohne sich zu verbiegen! Der Umzug von der „kleinen“ Bühne in ein großes Theater hat "Once" nichts an Intimität und Glaubwürdigkeit genommen. Die Kulisse ist weiterhin schlicht. Die Szenenwechsel werden eher angedeutet. Ich mag es sehr, wenn der Zuschauer nicht von Technik und Effekten erschlagen wird und hin und wieder auch mal die eigene Fantasie angeregt wird. Eine Frau am Klavier und ein Mann mit Gitarre sind manchmal alles was man braucht um sich in die Handlung hinein zu versetzen.

Ich glaube, es ist eine der ehrlichsten und gleichzeitig berührendsten Geschichten, die ich bisher auf einer Bühne gesehen habe. Aber keine Sorge – es ist nicht die ganze Zeit ernst und tiefgreifend. Im Gegenteil. Grade durch die ungewöhnliche Art des „Girl“ und ihrer skurrilen Mitbewohner- ist das Stück teilweise extrem amüsant.
Das Musical ist alles was es sein kann und sein sollte - Die Geschichte und vor allem auch die Musik transportieren jede Art von Gefühl. Ich habe abwechselnd Tränen gelacht und geweint, bin in die Songs eingetaucht und wurde von ihnen emotional mitgerissen.

Die Musik würde ich in die Sparte "Singer-Songwriter" mit einer Priese Folk einsortieren. Die Songs stammen aus der Feder von Glen Hansard und Markéta Irglová, die im Film Guy und Girl spielen. Sie sind nicht nur „Beiwerk“, sondern spielen im Stück eine Hauptrolle. Es geht ja gerade darum Songs zu schreiben, sie zu singen und aufzunehmen. Und was für ausdrucksstarke Lieder!!! (Es lohnt sich auch mal einen Blick auf die Lyrics zu werfen, denn es sind Lieder mit viel, viel Aussagekraft). Ich kann gar nicht genau sagen, welcher Song mein Lieblingslied ist... Leave, Gold, Sleeping, The Hill, Abandoned in Bandon^^, JEDES?! :-) Ich hoffe so sehr, dass vielleicht eine CD von der Londoner Cast auf den Markt geworfen wird - Das würde mich mehr als nur glücklich machen!!!

Alle Darsteller spielen ihre Instrumente selbst und sind die meiste Zeit auf der Bühne anwesend - auch, wenn grade keine Szene gespielt wird, in der ihr Charakter vorkommt. Dann sitzen sie auf Stühlen am Bühnenrand oder auf der Bar, die den Hintergrund der Bühne bildet und stimmen ggf. musikalisch mit ein.

Neben Guy und Girl stehen noch 10 1/2 weitere Personen auf der Bühne. Interessanter Weise haben viele Ensemble Mitglieder tatsächlich irische oder slawische Wurzeln, was das Ganze noch authentischer und die Personen noch glaubwürdiger macht.


Das Leben als Understudy ist in London nicht so einfach - Eigentlich spielt fast immer die First-Cast. Nichts desto trotz gibt es bei Once sogenannte "Walk-in Cover" (also Cover, die nicht auf der Bühne stehen, außer jemand fällt aus). Diese müssen dann meist mehrere Rollen drauf haben, um bei Bedarf mal den einen und mal den anderen zu ersetzen. Dass die Hauptrollen außerhalb ihres regulären Urlaubs nicht spielen kommt in London realtiv selten vor, deshalb gibt es auch keine Cast-Listen, wie man sie hier kennt. Wenn mal jemand anderes spielt, wird ein Aushang gemacht. In unserer Matinee-Show am Donnerstag hatten wir gleich 3 Cover auf der Bühne. Neben Geigerin Reza wurden auch die Hauptrollen von 2 Understudies gespielt. 

Grund dafür war - wie sich nachher herausstellte - ein Promoauftritt von Guy und Girl in der 



 "Graham Norton Show". 

So kamen wir kamen in den Genuss Alex Turney in seiner ersten Show als Guy und Phoebe Fildes als Girl zu sehen und zu hören. Ein Wort: Fantastisch! 
Ich kann kaum glauben, dass Alex wirklich das erste mal in der Hauptrolle auf der Bühne stand. Er ist ein sehr überzeugender und sehr nett anzusehender Guy. Ein bisschen schüchertern, ein bisschen zurückhaltend, aber das passt zur Rolle. Denn Guy ist ein eher ruhiger Charakter, der erst in seinen Liedern richtig aufdreht. 
Das Girl ist wie ein Gegenpol: Sie sagt was sie denkt, nimmt die Dinge in die Hand und wirbelt gehörig in Guys Leben herum. Dafür schlägt sie musikalisch eher die ruhige Töne an. Phoebe hat eine wunderschöne Stimme und spielt ausdrucksstark. Auch wenn auch der tschechische Akzent stellenweise nicht ganz echt klingt, fand ich sie in der Rolle sehr überzeugend. An anderer Stelle habe ich schonmal geschrieben, dass man sich hierzulande die Finger nach Darstellern lecken würde, die in London "nur" Understudies sind. 

Girl: "You have heart and soul. These Songs need to be sung for you, for me, for everybody who has lost a love. Don't be sad - you MUST sing!"
Und wir durfte zuhören! Und MUSSTEN es nochmal sehen!



Once, London 31.05.2013
Also hieß es Freitag Abend "Once more"! Oh mein Gott! Beim zweiten Mal achtet man ja nochmal ganz anders auf Kleinigkeiten. Die Show hat mich deshalb noch mehr gepackt als beim ersten mal - wer hätte gedacht, dass das möglich wäre?!

Diesmal waren Declan Bennett und Zrinka Cvitesic zurück on Stage. Wieder ein Wort? Nein, mir fehlen die Worte! Wirklich! 
Verlangt nicht von mir, dass ich hier jetzt eine vernünftige Darsteller-Rezension schreibe. Ich kanns echt nicht!

Declan-Guy hat mich gleich mit dem ersten Ton gepackt. Mit seinen leisen Tönen und auch wenn er seinen ganzen Frust in seine Songs legt und sie der Welt entgegen schreit. 


Hier bei einem Promoauftritt in der Londoner Tube

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Was für ein Typ. Ich liebe seine Stimme und ich liebe es, dass man nie das Gefühl hat, dass er die Rolle einfach nur spielt, sondern dass sie ihm etwas zu bedeuten scheint. Dass ist übrigens mein Eindruck beim gesamten Ensemble: Es sind alles Vollblut-Musiker und nicht nur "einfach irgendwelche Darsteller".
Zrinka-Girl war schlicht und einfach der Wahnsinn. Sie reißt nicht nur den Guy mit sich, wie ein Wirbelsturm, sondern das gesamte Publikum. Und als sie im zweiten Akt einsam und alleine am Klavier sitzt und bei The Hill in Tränen ausbricht, wem laufen da auch die Tränen?! Dass sie dann bis zum Schluss durch weint, hat es mir nicht leichter gemacht. Das war unfassbar emotional. Ich habe erst einmal jemanden SO in seiner Rolle aufgehen sehen. Interessanterweise war das Lyn Paul in Blood Brothers ungefähr ein halbes Jahr zuvor im selben Theater. Genau wie sie damals konnte man auch bei Zrinka Cvitesic beobachten, wie sie erst beim Schlussapplaus ganz langsam wieder in die Wirklichkeit zurück fand. 
Genauso ging es mir auch und als ich mich umguckte, sah ich sehr viele feuchte Augen und rote Nasen. 
Ich muss nochmal betonen - Im Stück gibt es sehr viel zu lachen, aber eben auch einige Taschentuch Momente. Die perfekte Mischung aus laut und leise, lachen und weinen, leicht und schwer... und so schön!!


So - und jetzt bucht ihr bitte ALLE einen Flug nach London, geht direkt zum Phoenix Theatre zur Charing-Cross Road, stellt euch an der Box Office an, kauft euch ein Ticket für Once und GUCKT ES EUCH AN! Und liebt es! Danke!

Mein Fazit: Diese Show sollte man gesehen haben!


http://www.oncemusical.co.uk/







Mittwoch, 24. April 2013

We Will Rock You, Essen

"We will rock you" und ich hatten einen klassischen Fehlstart. Als es 2004 in Köln startete habe ich gestreikt, weil ich mir Queen auf (teilweise) Deutsch nicht vorstellen konnte (und wollte). Gesehen habe ich es dann 2010 in London, aber auch da hatte ich eigentlich andere Prioritäten. Ich wollte ein anderes Stück sehen, wofür ich aber keine Karte mehr bekommen habe. Deshalb war "We will rock you" ein "Notnagel-will-ich-eigentlich-gar-nicht-sehen-Ersatz-Musical" und ich von Anfang an nicht besonders gut gelaunt. Das hab ich selten, aber an dem Abend war es leider so. Die Cast hat mir gut gefallen, die Musik war toll. Queen Songs, was soll man sagen?! Trotzdem war es für mich kein Stück zum "gleich nochmal" angucken. Ich hätte es vielleicht tun sollen...


Alex Melcher und Vera Bolten 24.04.2013

Damals lag es aber auch daran, dass mich die Story des Musicals nicht wirklich überzeugen konnte:

300 Jahre in der Zukunft gibt es keine handgemachte Musik mehr, Instrumente, die Sprache Englisch und jede Form von Kreativität ist verboten. Was zählt sind Konsum und Oberflächlichkeit und das Leben findet Online statt. Der ganze Planet wird von der Internetfirma Global-Soft kontrolliert, an deren Spitze die Killer Queen und ihr Kommandant Khashoggi stehen. Jeder der sich gegen das System auflehnt wird eingesperrt und mit Gehirnwäsche "auf den Pfad der Tugend" zurück gebracht. Doch zwei Teenager "Galileo" und "Scaramouche" brechen aus diesem System aus, auch wenn sie selber nicht genau verstehen warum. Galileo hat ständig Fetzen aus Songs im Kopf, die er nicht kennt. Scaramouche ist von Natur aus ein rebellischer Typ. Die beiden schließen sich den „Bohemiens“ an, einer Gruppe deren Mitglieder sich nach einstigen Künstlern benennen und die auf den „Träumer“ warten, der einer Legende zu Folge das letzte verbliebene Instrument in der Arena der Champions finden soll und damit die Welt verändern wird. Doch die Killerqueen und Khashoggi sind ihnen immer auf den Fersen.

Das alles ist noch viel seltsamer als es in der Zusammenfassung klingt. Um nicht zu sagen: Völlig GAGA und in sich auch unlogisch. Die englische Sprache ist verboten und wird trotzdem gesungen. Es gibt keine Instrumente mehr und auch die Rockmusik ist fast komplett in Vergessenheit geraten, gleichwohl wird während des ganzen Stücks zu E-Gitarren und bester Rockmusik Vollgas gegeben. Und zwar sowohl von den Gaga-Kids als auch von Kashoggi, der Killerqueen und den Bohemiens in gleicher Weise. Außerdem leidet die Story an der typischen Jukebox-Musical Krankheit. Wie so häufig versucht man auf Teufel-komm-raus eine Handlung um bestimmte Lieder drum rum zu basteln. Besonders extrem ist mir das bei "Seven Seas of Rhye" aufgefallen. Schnell noch einen Pub danach benannt und schon hat das Lied seinen Platz in der Geschichte von "We will rock you". Andererseits: Die Songs sind toll und über die Story sollte man ja ohnehin möglichst nicht zu viel nachdenken. In London hab ich das leider getan.

Aber ich bin gut darin "zweite Chancen" zu verteilen - Besonders, wenn der Besetzungsplan der Tour mit tollen Darstellern lockt. Außerdem hatte ich mal wieder wirklich Bock auf ein Rock-Musical!!!! Dann halt doch: Queen auf Deutsch (edit: Es tat gar nicht weh!) Auf ins Gebrüll! Spaß haben in Essen!

Pssst... Ich nehme vorweg: Ja, ich hatte Spaß! Ja, seit 2 Wochen habe ich akuten Queen-Ohrwurm-Befall (eine sehr hartnäckige Spezies) und JA, ich hab mir wieder eine Karte gekauft und ich bin nochmal nach Essen gefahren. Ich kann also mittlerweile eine Two-in-One Blog schreiben... und ich "fürchte", hat es mich jetzt doch erwischt! - Besonders letztes Mal hab ich Tränen gelacht und war in bester Stimmung: Vorher, nachher und zwischendrin erst Recht.
Denn auch wenn die Story schwachsinnig ist – Es gibt viel, viel Situationskomik. Mancher Witz ist etwas flach geraten, aber oft, sehr oft hat man Grund zu Fröhlichkeit und Amusement. Besonders der permanente Schlagabtausch zwischen Galileo und Scaramouche ist immer wieder der Brüller. Sie putzt ihn ständig runter und er ist herrlich verpeilt. Mit den Killerqueen/Khashoggi Szenen hab ich es immer noch nicht so – aber was nicht ist, kann ja noch werden. Denn ich hab das Stück vermutlich nicht zum letzten Mal gesehen.

Neben der Beanspruchung meiner Bauchmuskeln (man nennt sie im Fachjargon auch Lachflash-Muskeln) wurde auch mein Rhythmus-Gefühl aktiv gefördert. Mitwippen, im Takt klatschen, Arme schwenken, applaudieren – alles dabei! Theater-Zumba für Anfänger und Fortgeschrittene - oder um es kurz zu machen: Ich wurde gerockt!!!

Wer waren die Täter?! Unterschiedlich... Beim ersten Mal waren es die "jungen Wilden" und beim zweiten Mal die "wilden 'Alten'".


In der Preview-Show am 9.4. standen Christopher Brose als Galileo und Jeannine Wacker als Scaramouche auf der Bühne. 
Christopher und Jeannine spielen die Rollen auf der Tour zum ersten Mal, wobei der Ausdruck "zum ersten Mal" etwas irritierend ist, denn mittlerweile haben beide schon an die 100 Shows in Basel hinter sich. 
Einen ersten Eindruck von Christopher hab ich schon vor einem knappen Jahr in Berlin bekommen, wo er den Steve in Hinterm Horizont gespielt hat. Als ich hörte, dass auf der Tour die Galileo Erstbesetzung würde, hab ich mich sehr gefreut und wusste sofort, dass das passt! Und das tuts auch. Davon konnte ich mich nun auch selber überzeugen. Ein toller Fiffy fürs Auge und fürs Ohr! Es hat riesig Spaß gemacht ihn in der Rolle zu erleben, auch wenn er noch ein paar mehr Ecken und Kanten haben könnte. Er und Jeannine Wacker sind jedenfalls ein eingespieltes Team, denn auch sie passt 100%ig in ihre Rolle. Klein und quierlig mit eine fantastischen Stimme und reichlich Energie. Mich wundert nicht, dass sie ein Stipendium für ein Musicalstudium in New York bekommen hat. Diesen Namen sollte man sich merken. 

Zwei Wochen später konnte ich die Kölner Ur-Rock-Yous Alex Melcher und Vera Bolten auf der Bühne erleben. Und hier fehlen mir schlicht die Worte. So gut mir die neue Cast gefallen hat - Alex und Vera haben mich restlos in den 7. Himmel gerockt. Streng genommen, passen beide mit Ende 30/Anfang 40 nicht mehr ins Rollenprofil, aber HimmelundHölle... wen juckt das?! Alex sprengt die Bühne! Seine Mimik ist der Knaller und er ist die geborene Rampen-Rock-Sau. Was andere Darsteller "spielen" haut er von Natur aus raus! Ich hatte wahlweise Gänsehaut, Kicher-Anfälle und ein permanentes grenzdebiles Grinsen auf dem Gesicht, das ich schon fleißig bei anderen Shows geübt hatte (Nicht dass da Übung nötig wäre). 
Und Vera? Sie hatte mal wieder ganz erheblichen Anteil daran, dass ich im Anschluss einen "Lach-Flash-Muskelkater" hatte. Allein wie sie manchmal bestimmte Sätze betont - ganz großes Kino.
Ich hatte das erwartet, denn ich hab beide schon häufiger zusammen auf der Bühne erlebt. Zuletzt in "Die Tagebücher von Adam und Eva", was -besonders in dieser Besetzung- eins meiner Lieblingsstücke ist. Aber langsam sollte ich mich dran gewöhnen, dass manche Darsteller das Zeug dazu haben hohe Erwartungen nicht zu erfüllen, sondern zu übertreffen. Was für eine Show! Jegliche Kritik, die ich an der Story habe, wurde  mir aus dem Kopf gepustet. Am Ende konnte ich nur noch wild klatschend auf meinem Platz rumhüpfen. Gerade beim Finale (We will rock you, We are the Champions und Bohemian Rhapsody) wünscht man sich, dass der Abend nie vorbei gehen würde und möchte wie bei einem Rockkonzert (was es dann ja auch ist) in einem fort "Zugabe" brüllen bis man heiser ist.

Ups - ich glaube, ich habe mich ein bisschen verschwärmt und noch gar nichts über Brit alias Markus Neugebauer geschrieben, der zu meinem indianischen Lieblingswikinger mutiert ist, über die Killerqueen Goele De Raedt, die eine Gesichtsakrobatik drauf hat, dass man es mit der Angst zu tun bekommen könnte oder Bap Niedeken alias Leon van Leeuwenberg wegen dessen "Fideo Kastagnette" ich fast vor Lachen vom Sitz gerutscht wäre. Es gibt wirklich wenig an der Besetzung in auszusetzen. Ich muss ganz sicher nochmal nach Essen! (By the way: Dort ist der Sprit auch viel günstiger - Da kann ich mir die Fahrtkosten direkt mal schön rechnen.)
 
Hätte mir einer vor drei Jahren erzählt, dass ich mal so begeistert über dieses Stück schreiben würde, hätte ich ein Fieberthermometer gereicht. Aber nun sollte ich vielleicht selber mal Fieber messen gehen. Die Musicalitis wird schlimmer und greift nun schon auf Stücke über, von denen ich dachte immun dagegen zu sein.
Ach egal - Wenns rockt, dann rockts!

Freitag, 19. April 2013

Aida 2013, Nordhausen

Das Theater Nordhausen lockt seit Jahren mit gut inszenierten Stücken und tollen Darstellern. Der Wunsch dort mal irgendein Stück anzuschauen, war schon vor dem neuen Spielplan 2013 da. Als der dann bekanntgegeben wurde, konnte man meinen Jubelschrei bestimmt bis nach Thüringen hören. AIDA!!! Das ist für mich nicht „irgendein“ Stück, sondern eins meiner Lieblingsmusicals, auch wenn ich bisher verhältnismäßig wenig Gelegenheit hatte es zu sehen. Nach Tecklenburg 2009 wurde es nun wirklich mal wieder Zeit!!!


Zur Zeit der Pharaonen führt Ägypten Krieg gegen das Nachbarland Nubien. Auf einem Feldzug erbeutet der oberste Heerführer Radames nicht nur reichlich Beute, sondern bringt überdies viele Sklaven mit zurück nach Ägypten. Unter den Gefangenen befindet sich -unerkannt- auch Aida, die Tochter des nubischen Königs. Radames bewahrt sie vor der Arbeit in der Kupfergrube und schenkt sie stattdessen der Pharaonentochter Amneris, die er in Kürze heiraten soll. Er jedoch fühlt sich mehr und mehr zu Aida hingezogen, die ihrerseits zwischen ihrem Volk und ihm hin und her gerissen ist. Wer das Stück kennt, weiß dass es dramatisch ausgeht, alle anderen können es wohl ahnen.

Das Musical stammt aus der Feder von und Tim Rice und Elton John. Musikalisch ist die Marschrichtung also absehbar. Es in erster Linie ein Pop-Musical, das durch viele tolle Balladen, Duette, Gospelstücke und rockige Nummern besticht. (*)
 

Das Theater Nordhausen spielt das Stück mit den englischen Original-Liedern und deutschen Dialogen. Ich bin schon einige Male gefragt worden, ob das nicht seltsam oder störend ist.
Für mich persönlich ist dies die perfekte Mischung! Ich habe von Anfang an hauptsächlich die Broadway CD mit Heather Headley als Aida und Adam Pascal als Radames gehört und geliebt. 
Vielleicht bin ich kein Maßstab, denn ich bin ohnehin jeder bekannten und weniger bekannten Sprache gegenüber aufgeschlossen. Ich fahre nicht nur regelmäßig nach London um mir Stücke anzugucken, sondern auch nach Holland und würde z.B. französischen Stücken eine Chance geben, obwohl ich beide Sprachen nur in Ansätzen beherrsche. Beim Musical kommt es mir vor allem auf das richtige Gefühl an! Oft versteht das Herz eh mehr als der Verstand je begreift. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass man offen für alles sein sollte.

Bei Aida wird es dem Zuschauer außerdem verhältnismäßig leicht gemacht. Von der Handlung wird sich aufgrund der deutschen Dialoge alles erschließen. Und bei den Songs hilft notfalls eine Übersetzung am die am oberen Bühnenrand eingeblendet wird.
Viele Zuschauer können sich auch nicht haben abschrecken lassen. Das Theater war komplett ausverkauft und ich weiß aus dem Bekanntenkreis, dass es sogar Wartelisten auf Karten gab und gibt. Auch für die nächsten Vorstellungen ist –bis auf Stehplätze- nichts mehr zu kriegen. Und ich geben dem Trend recht: Es lohnt sich wirklich!



Das Stück als solches ist ohnehin sehenswert, zudem ist das Theater Nordhausen seinem guten Ruf gerecht geworden und hat eine tolle Inszenierung mit überzeugender Besetzung auf der Bühne und im Orchestergraben auf die Beine gestellt.

Das Bühnenbild ist einfach, aber effektiv gestaltet. Häufig sieht man die Silhouette von Gebäuden im Hintergrund, ansonsten wird mit Raumteilern gearbeitet, so dass Szenenwechsel flüssig wirken und umbauten das Publikum nicht ablenken. 
Als besonders gut gelungen habe ich die Szene zu "Like Father, like Son" in Erinnerung behalten. Radames und sein Vater Zoser geraten aneinander und es kommt zum Bruch. Während ihres gesanglichen Schlagabtausches springen beide auf einen langen Tisch, der während des Liedes gedreht wird. Dies unterstreicht den Kampf den beide gegeneinander ausfechten.

Auch die Kostüme können lobend erwähnt werden - Bei den Perücken muss man leider Abstriche machen. Deshalb hat man Gut daran getan soweit es möglich war auf künstliche Haare zu verzichten Bei den Sklaven und Ägyptern hat man mit Kopftüchern oder zusätzlichem Kopfschmuck gearbeitet, so dass insgesamt ein harmonisches Bild erzielt wird. Das ist besonders wichtig, weil das Ensemble nicht unbedingt "typisch nubisch" aussieht, sondern sehr gemischter ethnischer Herkunft ist.

Das liegt daran, dass – wie in den meisten Stadttheatern – nur die Hauptrollen gecastet werden, während das Ensemble und das Orchester des Hauses spielt. Das hat natürlich den Vorteil, dass die Produktionskosten nicht unnötig in die Höhe getrieben werden. Außerdem sind Ensemble und Orchester gut aufeinander eingestimmt. Apropos Orchester... Derzeit häuft sich die Kritik daran, dass bei großen Ensuit-Produktionen die Orchester immer mehr zusammengeschrumpft werden. Was dabei verloren geht, wird mehr als deutlich, wenn man -wie hier- hört und sieht wie es mit einem großen, sehr guten Orchester sein kann. Von meinem Platz aus hatte ich einen guten Blick in den Orchestergraben und es war eine Freude zu sehen, dass Musik noch echte Handarbeit sein kann. Besonders der Percussionist zog des öfteren meine Blicke auf sich. Für jeden noch so kleinen Ton holte er ein neues Instrument hervor. Von Zimbeln über Triangeln (nie wieder werde ich behaupten, Triangel sei ein leicht zu spielendes Instrument) zu Schellenkränzen und Trommeln. Musik ist Kunst und das was die Herren und Damen dort spielten lässt sich nicht am Keyboard samplen. Man hört den Unterschied.

Das Ensemble hat mich vor allem tänzerisch überzeugt. In Szenen wie "Another Pyramid" oder dem Manteltanz wirkte die Choreographie ebenso harmonisch wie mitreissend. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die klassisch ausgebildeten Nebendarsteller und Chormitglieder eher im Bereich Oper/Operette Zuhause sind. So klingen die Chorstücke zum Teil ungewohnt klassisch und auch Mereb und Nehebka (Marian Kalus und Anja Daniela Wagner) wirkten zwischen den Musicaldarstellern stimmlich stellenweise etwas fehl am Platz. Beide haben gut ausgebildete Stimmen, die aber - weil sie eher nach Oper klingen - nicht so recht in ein Popmusical passen wollen. Doch da beide Darsteller nur relativ wenig Gesangsanteil haben und darstellerisch ihren Rollen durchaus gerecht werden, kann man an dieser Stelle ruhig Fünfe gerade sein lassen. Zumal die zubesetzten Hauptrollen nichts zu Wünschen übrig lassen:
 

Aida wird von Nyassa Alberta verkörpert.  Meine Vorab-Recherche hat ergeben, dass die Holländerin bei Sister Act unter anderem die Deloris spielt. Ich selber habe sie aber vorher noch nicht gesehen und war entsprechend gespannt.



Ich wurde nicht enttäuscht. Nyassa Alberta ist eine wundervolle Aida. Sie hat eine tolle, volle, soulige Stimme und kommt sowohl kämpferisch als auch verletzlich rüber.

Femke Soetenga hat schon häufiger in Nordhausen auf der Bühne gestanden und ist in meiner Musical-Welt alles andere als eine Unbekannte. Ob als Milady in den drei Musketieren, als Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar oder als Mina in Dracula. Femke kommt, singt und siegt - wie eigentlich immer! 


Ich mag mich auch nicht immer wiederholen - ihr wisst schon, dass ich Femke sehr gerne höre und sehe und als Amneris hat sie mir auch wieder gefallen. Ihre Rolle ist eher an Willemijn Verkaiks Version der Pharaonentochter angelehnt, wie sie in Tecklenburg angelegt wurde (Mit waschechtem Wusch-wusch für alle Wicked Freunde).

Auch im Bezug auf Radames fühlte ich mich stark an die Tecklenburg Version erinnert (Und das nicht nur, weil Patrick Stanke erneut in die Rolle des obersten Feldherren schlüpft). Wie schon in der Freilichtbühnenfassung ist nicht von Anfang an klar, dass Radames Zosers Sohn ist. Stattdessen hat auch der Nordhäuser Radames seine Kindheit im Hurenhaus von Buto verbracht. Schon 2009 habe ich mich gefragt, ob diese Änderung irgendeinen Sinn hat oder die Geschichte weiter bringt. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Es stört mich jedenfalls nicht.




Patrick selber spielt routiniert - Es ist ja nach Essen und Tecklenburg schon das dritte Mal, dass er diese Rolle verkörpert. (Nein, ich sag jetzt nichts zum halbierten Körper). Ob deutsch oder englisch - Herr Stanke hats noch drauf.

Auch Kristian Vetter schlüpft als Zoser in eine vertraute Rolle. Er war bereits in Essen der intregante, machthungrige Strippenzieher und hatte wieder sichtlich Spaß an der Rolle des Bösewichts. Er hat eine wunderbar kraftvolle Rockstimme, die besonders bei "Like Father, Like Son" toll zur Geltung kommt.

Und auch das Publikum war begeistert. Ich habe mir zwei Vorstellungen angesehen -wenn man schon mal da ist- und beide Male ein vollbesetztes Theater und begeisterten Zwischen und Schlussapplaus erlebt. Ob jung oder alt, auch in der Pause hörte man durchweg positives Feedback. Die Auslastung des Theaters unterstreicht dies. Auch für die Vorstellungen nach der Sommerpause herrscht rege Nachfrage.

Wer die Musik und das Stück mag, wird von der Nordhausener (Nordhäuser?) Inszenierung begeistert sein. Die Ticketpreise liegen für die teuerste Kategorie bei ca. 25 €. Besser kann man für diesen Preis gar nicht unterhalten werden. Ich bin, seit es dieses Stück gibt, ein großer Fan der Geschichte. Für mich ist es eine wundervolle Mischung aus Romantik, Spaß und Drama. Deshalb kann ich es nur jedem wärmstens ans Herz legen.







(*) Vor Veröffentlichung des Musicals hat Elton John bereits 1999 ein sogenanntes Konzeptalbum herausgebracht, auf dem verschiedene international bekannte Künstler (Tina Turner, Lenny Kravitz, Janet Jackson u.a.)  Lieder aus dem Musical interpretieren. Am bekanntesten dürfte wohl die Version von „Written in the Stars“ (Sind die Sterne gegen uns) von Elton John und Lee-Ann Rimes, sowie „My strongest Suit“ (Mein Sinn für Stil) von den Spice Girls sein, da beide Songs auch als Singles ausgekoppelt worden sind und im Radio liefen.





Sonntag, 17. Februar 2013

Das Geheimnis des Edwin Drood, Münster

Da haben wir den Salat! 
Ich nehme mir vor immer schön zeitnah Blogs zu den gesehen Musicals zu schreiben und dann kommt mir das Theater in Münster mit SO einem Stück daher. Einfach drauflos schreiben ist da schwierig. Man will nämlich auf keinen Fall zu viel verraten. Aber einfach schreiben "Geht hin und lasst euch überraschen" ist vielleicht auch nicht grade das was ihr hören wollt, oder?
Wobei ich genau das getan und nicht bereut habe!
Was ich selber vorher wusste: Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte, die Hauptrolle heißt Edwin Drood und wird von Roberta Valentini gespielt. Ja, sie spielt einen Mann. Und auf meine Bitte nichts über den Ausgang zu verraten, weil ich das Stück vielleicht noch gucken möchte, wurde wissend gegrinst. JETZT weiß ich auch warum.
Niemand braucht sich die Finger in die Ohren stopfen (oder –hier- in die Augen) denn: Keiner weiß wie der Abend endet. Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte… jein! Es handelt sich zumindest um eine Geschichte von Charles Dickens in der im 2. Akt ein möglicher Mörder gesucht wird. 


Wer das ist und warum konnte der Autor selbst nicht mehr entscheiden. Leider segnete Herrn Dickens vor Auflösung des Geheimnisses um den verschwundenen Edwin das Zeitliche.
Nun hat diese Tatsache aber niemanden daran gehindert, das Stück trotzdem auf die Bühne zu bringen. Sollen doch die Zuschauer selber entscheiden wie die Geschichte ausgeht. Denn im Prinzip kann es jeder gewesen sein, falls Edwin überhaupt tot ist. Das Stück kann also theoretisch jeden Abend eine andere Wendung nehmen. Wen also findet das Publikum am verdächtigste?
 
Da ist Edwins mysteriöser Onkel John Jasper, der einerseits ein Auge auf Edwins Verlobte Rose Budd geworfen hat und andererseits seine Nächte in der Opiumhölle der Prinzessin Puffer verbringt. Da sind die Geschwister Landless, die in der britschen Kolonie (Indien?) aufgewachsen sind und immer wieder mit Edwin aneinander geraten. Da ist der zwielichtige Bestatter Durdles und sein Gehilfe, die irgendetwas zu verbergen suchen. Und auch der Theaterschreiber Bazzard und der Pfarrer Chrisparkle sind verdächtig unverdächtig.  Und so machen sich Detektiv Dick ...?... und Prinzessin Puffer im 2. Akt auf die Suche nach Edwins Mörder.
Das Ensemble zählt ca. 45-50 Leute, die nicht unbedingt alle auf der Bühne agieren - natürlich haben nicht alle Anwesenden tragende Rollen (manche werden auch getragen).
 

Als Krimi-Liebhaber war mir schnell klar, dass es weniger um eine toll konstruierte Mördersuche geht, als viel mehr um den Spaß, den das Publikum bei einem mehr oder weniger interaktiven Stück hat. 

(c) Theater Münster

Ein Stück übrigens, das sich nicht eine Sekunde lang selber ernst nimmt. Ich glaube, soviel darf man verraten – denn wenn eine Männerrolle an eine Frau geht, verhält es sich mit dem Stück oft ähnlich, wie wenn man einen Mann in Frauenkleider steckt… In den meisten Fällen gibt’s dann eher was zu lachen, als zu weinen. Und so auch hier. MEHR verrate ich jetzt aber wirklich nicht!!!!!
Nur noch kurz zur Musik: Wie die Fallkonstruktion, ist auch die Musik eher nebensächlich. Man kommt zwar beschwingt und grinsend aus dem Theater und summt vielleicht auch ein bisschen vor sich hin – Trotzdem lebt dieses Musical vor allem von seinen skurrilen Typen, die man richtig gehend ins Herz schließt. und davon, dass sich auch die Darsteller gegenseitig auf die Schippe nehmen.

 Schlussapplaus (leider nur mit dem Handy)
Wer einen vergnüglichen Abend haben möchte und zum Lachen nicht erst in den Keller gehen muss, der ist in Münster richtig. Bei bezahlbaren Tickets zwischen 8 € und 30 € sollte man den Spaß ruhig mal ausprobieren - Ich verspreche euch: Es ist ein Musical wie ihr es bisher vermutlich noch nie erlebt habt. Das Theater ist übrigens auch sehr schön - vorbildlich ansteigende Reihen mit guten Blick auf die Bühne von überall. Die billigen Plätze ganz oben, sind allerdings vermutlich nicht für Personen mit Höhenangst geeignet und ganz vorne darf man keine Berührungsängste haben. Die Darsteller kommen mitunter „gefährlich“ nah (und das nicht nur während des Stücks).
Neugierig?

 

Besetzung

Prinzipal Gerhard Mohr
Edwin Drood Roberta Valentini
John Jasper  Axel Herrig
Rosa Budd Julia Lißel
Hochwürden Crisparkle Peter Jahreis
Helena Landless Johanna Marx
Neville Landless Dennis Laubenthal
Prinzessin Puffer Suzanne McLeod
Durdles Aurel Bereuter
Durdles' Gehilfe Tom Ohnerast
Bazzard Ilja Harjes
Horace Lars Hübel
Inspizient Tomasz Zwozniak