Mittwoch, 24. April 2013

We Will Rock You, Essen

"We will rock you" und ich hatten einen klassischen Fehlstart. Als es 2004 in Köln startete habe ich gestreikt, weil ich mir Queen auf (teilweise) Deutsch nicht vorstellen konnte (und wollte). Gesehen habe ich es dann 2010 in London, aber auch da hatte ich eigentlich andere Prioritäten. Ich wollte ein anderes Stück sehen, wofür ich aber keine Karte mehr bekommen habe. Deshalb war "We will rock you" ein "Notnagel-will-ich-eigentlich-gar-nicht-sehen-Ersatz-Musical" und ich von Anfang an nicht besonders gut gelaunt. Das hab ich selten, aber an dem Abend war es leider so. Die Cast hat mir gut gefallen, die Musik war toll. Queen Songs, was soll man sagen?! Trotzdem war es für mich kein Stück zum "gleich nochmal" angucken. Ich hätte es vielleicht tun sollen...


Alex Melcher und Vera Bolten 24.04.2013

Damals lag es aber auch daran, dass mich die Story des Musicals nicht wirklich überzeugen konnte:

300 Jahre in der Zukunft gibt es keine handgemachte Musik mehr, Instrumente, die Sprache Englisch und jede Form von Kreativität ist verboten. Was zählt sind Konsum und Oberflächlichkeit und das Leben findet Online statt. Der ganze Planet wird von der Internetfirma Global-Soft kontrolliert, an deren Spitze die Killer Queen und ihr Kommandant Khashoggi stehen. Jeder der sich gegen das System auflehnt wird eingesperrt und mit Gehirnwäsche "auf den Pfad der Tugend" zurück gebracht. Doch zwei Teenager "Galileo" und "Scaramouche" brechen aus diesem System aus, auch wenn sie selber nicht genau verstehen warum. Galileo hat ständig Fetzen aus Songs im Kopf, die er nicht kennt. Scaramouche ist von Natur aus ein rebellischer Typ. Die beiden schließen sich den „Bohemiens“ an, einer Gruppe deren Mitglieder sich nach einstigen Künstlern benennen und die auf den „Träumer“ warten, der einer Legende zu Folge das letzte verbliebene Instrument in der Arena der Champions finden soll und damit die Welt verändern wird. Doch die Killerqueen und Khashoggi sind ihnen immer auf den Fersen.

Das alles ist noch viel seltsamer als es in der Zusammenfassung klingt. Um nicht zu sagen: Völlig GAGA und in sich auch unlogisch. Die englische Sprache ist verboten und wird trotzdem gesungen. Es gibt keine Instrumente mehr und auch die Rockmusik ist fast komplett in Vergessenheit geraten, gleichwohl wird während des ganzen Stücks zu E-Gitarren und bester Rockmusik Vollgas gegeben. Und zwar sowohl von den Gaga-Kids als auch von Kashoggi, der Killerqueen und den Bohemiens in gleicher Weise. Außerdem leidet die Story an der typischen Jukebox-Musical Krankheit. Wie so häufig versucht man auf Teufel-komm-raus eine Handlung um bestimmte Lieder drum rum zu basteln. Besonders extrem ist mir das bei "Seven Seas of Rhye" aufgefallen. Schnell noch einen Pub danach benannt und schon hat das Lied seinen Platz in der Geschichte von "We will rock you". Andererseits: Die Songs sind toll und über die Story sollte man ja ohnehin möglichst nicht zu viel nachdenken. In London hab ich das leider getan.

Aber ich bin gut darin "zweite Chancen" zu verteilen - Besonders, wenn der Besetzungsplan der Tour mit tollen Darstellern lockt. Außerdem hatte ich mal wieder wirklich Bock auf ein Rock-Musical!!!! Dann halt doch: Queen auf Deutsch (edit: Es tat gar nicht weh!) Auf ins Gebrüll! Spaß haben in Essen!

Pssst... Ich nehme vorweg: Ja, ich hatte Spaß! Ja, seit 2 Wochen habe ich akuten Queen-Ohrwurm-Befall (eine sehr hartnäckige Spezies) und JA, ich hab mir wieder eine Karte gekauft und ich bin nochmal nach Essen gefahren. Ich kann also mittlerweile eine Two-in-One Blog schreiben... und ich "fürchte", hat es mich jetzt doch erwischt! - Besonders letztes Mal hab ich Tränen gelacht und war in bester Stimmung: Vorher, nachher und zwischendrin erst Recht.
Denn auch wenn die Story schwachsinnig ist – Es gibt viel, viel Situationskomik. Mancher Witz ist etwas flach geraten, aber oft, sehr oft hat man Grund zu Fröhlichkeit und Amusement. Besonders der permanente Schlagabtausch zwischen Galileo und Scaramouche ist immer wieder der Brüller. Sie putzt ihn ständig runter und er ist herrlich verpeilt. Mit den Killerqueen/Khashoggi Szenen hab ich es immer noch nicht so – aber was nicht ist, kann ja noch werden. Denn ich hab das Stück vermutlich nicht zum letzten Mal gesehen.

Neben der Beanspruchung meiner Bauchmuskeln (man nennt sie im Fachjargon auch Lachflash-Muskeln) wurde auch mein Rhythmus-Gefühl aktiv gefördert. Mitwippen, im Takt klatschen, Arme schwenken, applaudieren – alles dabei! Theater-Zumba für Anfänger und Fortgeschrittene - oder um es kurz zu machen: Ich wurde gerockt!!!

Wer waren die Täter?! Unterschiedlich... Beim ersten Mal waren es die "jungen Wilden" und beim zweiten Mal die "wilden 'Alten'".


In der Preview-Show am 9.4. standen Christopher Brose als Galileo und Jeannine Wacker als Scaramouche auf der Bühne. 
Christopher und Jeannine spielen die Rollen auf der Tour zum ersten Mal, wobei der Ausdruck "zum ersten Mal" etwas irritierend ist, denn mittlerweile haben beide schon an die 100 Shows in Basel hinter sich. 
Einen ersten Eindruck von Christopher hab ich schon vor einem knappen Jahr in Berlin bekommen, wo er den Steve in Hinterm Horizont gespielt hat. Als ich hörte, dass auf der Tour die Galileo Erstbesetzung würde, hab ich mich sehr gefreut und wusste sofort, dass das passt! Und das tuts auch. Davon konnte ich mich nun auch selber überzeugen. Ein toller Fiffy fürs Auge und fürs Ohr! Es hat riesig Spaß gemacht ihn in der Rolle zu erleben, auch wenn er noch ein paar mehr Ecken und Kanten haben könnte. Er und Jeannine Wacker sind jedenfalls ein eingespieltes Team, denn auch sie passt 100%ig in ihre Rolle. Klein und quierlig mit eine fantastischen Stimme und reichlich Energie. Mich wundert nicht, dass sie ein Stipendium für ein Musicalstudium in New York bekommen hat. Diesen Namen sollte man sich merken. 

Zwei Wochen später konnte ich die Kölner Ur-Rock-Yous Alex Melcher und Vera Bolten auf der Bühne erleben. Und hier fehlen mir schlicht die Worte. So gut mir die neue Cast gefallen hat - Alex und Vera haben mich restlos in den 7. Himmel gerockt. Streng genommen, passen beide mit Ende 30/Anfang 40 nicht mehr ins Rollenprofil, aber HimmelundHölle... wen juckt das?! Alex sprengt die Bühne! Seine Mimik ist der Knaller und er ist die geborene Rampen-Rock-Sau. Was andere Darsteller "spielen" haut er von Natur aus raus! Ich hatte wahlweise Gänsehaut, Kicher-Anfälle und ein permanentes grenzdebiles Grinsen auf dem Gesicht, das ich schon fleißig bei anderen Shows geübt hatte (Nicht dass da Übung nötig wäre). 
Und Vera? Sie hatte mal wieder ganz erheblichen Anteil daran, dass ich im Anschluss einen "Lach-Flash-Muskelkater" hatte. Allein wie sie manchmal bestimmte Sätze betont - ganz großes Kino.
Ich hatte das erwartet, denn ich hab beide schon häufiger zusammen auf der Bühne erlebt. Zuletzt in "Die Tagebücher von Adam und Eva", was -besonders in dieser Besetzung- eins meiner Lieblingsstücke ist. Aber langsam sollte ich mich dran gewöhnen, dass manche Darsteller das Zeug dazu haben hohe Erwartungen nicht zu erfüllen, sondern zu übertreffen. Was für eine Show! Jegliche Kritik, die ich an der Story habe, wurde  mir aus dem Kopf gepustet. Am Ende konnte ich nur noch wild klatschend auf meinem Platz rumhüpfen. Gerade beim Finale (We will rock you, We are the Champions und Bohemian Rhapsody) wünscht man sich, dass der Abend nie vorbei gehen würde und möchte wie bei einem Rockkonzert (was es dann ja auch ist) in einem fort "Zugabe" brüllen bis man heiser ist.

Ups - ich glaube, ich habe mich ein bisschen verschwärmt und noch gar nichts über Brit alias Markus Neugebauer geschrieben, der zu meinem indianischen Lieblingswikinger mutiert ist, über die Killerqueen Goele De Raedt, die eine Gesichtsakrobatik drauf hat, dass man es mit der Angst zu tun bekommen könnte oder Bap Niedeken alias Leon van Leeuwenberg wegen dessen "Fideo Kastagnette" ich fast vor Lachen vom Sitz gerutscht wäre. Es gibt wirklich wenig an der Besetzung in auszusetzen. Ich muss ganz sicher nochmal nach Essen! (By the way: Dort ist der Sprit auch viel günstiger - Da kann ich mir die Fahrtkosten direkt mal schön rechnen.)
 
Hätte mir einer vor drei Jahren erzählt, dass ich mal so begeistert über dieses Stück schreiben würde, hätte ich ein Fieberthermometer gereicht. Aber nun sollte ich vielleicht selber mal Fieber messen gehen. Die Musicalitis wird schlimmer und greift nun schon auf Stücke über, von denen ich dachte immun dagegen zu sein.
Ach egal - Wenns rockt, dann rockts!

Freitag, 19. April 2013

Aida 2013, Nordhausen

Das Theater Nordhausen lockt seit Jahren mit gut inszenierten Stücken und tollen Darstellern. Der Wunsch dort mal irgendein Stück anzuschauen, war schon vor dem neuen Spielplan 2013 da. Als der dann bekanntgegeben wurde, konnte man meinen Jubelschrei bestimmt bis nach Thüringen hören. AIDA!!! Das ist für mich nicht „irgendein“ Stück, sondern eins meiner Lieblingsmusicals, auch wenn ich bisher verhältnismäßig wenig Gelegenheit hatte es zu sehen. Nach Tecklenburg 2009 wurde es nun wirklich mal wieder Zeit!!!


Zur Zeit der Pharaonen führt Ägypten Krieg gegen das Nachbarland Nubien. Auf einem Feldzug erbeutet der oberste Heerführer Radames nicht nur reichlich Beute, sondern bringt überdies viele Sklaven mit zurück nach Ägypten. Unter den Gefangenen befindet sich -unerkannt- auch Aida, die Tochter des nubischen Königs. Radames bewahrt sie vor der Arbeit in der Kupfergrube und schenkt sie stattdessen der Pharaonentochter Amneris, die er in Kürze heiraten soll. Er jedoch fühlt sich mehr und mehr zu Aida hingezogen, die ihrerseits zwischen ihrem Volk und ihm hin und her gerissen ist. Wer das Stück kennt, weiß dass es dramatisch ausgeht, alle anderen können es wohl ahnen.

Das Musical stammt aus der Feder von und Tim Rice und Elton John. Musikalisch ist die Marschrichtung also absehbar. Es in erster Linie ein Pop-Musical, das durch viele tolle Balladen, Duette, Gospelstücke und rockige Nummern besticht. (*)
 

Das Theater Nordhausen spielt das Stück mit den englischen Original-Liedern und deutschen Dialogen. Ich bin schon einige Male gefragt worden, ob das nicht seltsam oder störend ist.
Für mich persönlich ist dies die perfekte Mischung! Ich habe von Anfang an hauptsächlich die Broadway CD mit Heather Headley als Aida und Adam Pascal als Radames gehört und geliebt. 
Vielleicht bin ich kein Maßstab, denn ich bin ohnehin jeder bekannten und weniger bekannten Sprache gegenüber aufgeschlossen. Ich fahre nicht nur regelmäßig nach London um mir Stücke anzugucken, sondern auch nach Holland und würde z.B. französischen Stücken eine Chance geben, obwohl ich beide Sprachen nur in Ansätzen beherrsche. Beim Musical kommt es mir vor allem auf das richtige Gefühl an! Oft versteht das Herz eh mehr als der Verstand je begreift. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass man offen für alles sein sollte.

Bei Aida wird es dem Zuschauer außerdem verhältnismäßig leicht gemacht. Von der Handlung wird sich aufgrund der deutschen Dialoge alles erschließen. Und bei den Songs hilft notfalls eine Übersetzung am die am oberen Bühnenrand eingeblendet wird.
Viele Zuschauer können sich auch nicht haben abschrecken lassen. Das Theater war komplett ausverkauft und ich weiß aus dem Bekanntenkreis, dass es sogar Wartelisten auf Karten gab und gibt. Auch für die nächsten Vorstellungen ist –bis auf Stehplätze- nichts mehr zu kriegen. Und ich geben dem Trend recht: Es lohnt sich wirklich!



Das Stück als solches ist ohnehin sehenswert, zudem ist das Theater Nordhausen seinem guten Ruf gerecht geworden und hat eine tolle Inszenierung mit überzeugender Besetzung auf der Bühne und im Orchestergraben auf die Beine gestellt.

Das Bühnenbild ist einfach, aber effektiv gestaltet. Häufig sieht man die Silhouette von Gebäuden im Hintergrund, ansonsten wird mit Raumteilern gearbeitet, so dass Szenenwechsel flüssig wirken und umbauten das Publikum nicht ablenken. 
Als besonders gut gelungen habe ich die Szene zu "Like Father, like Son" in Erinnerung behalten. Radames und sein Vater Zoser geraten aneinander und es kommt zum Bruch. Während ihres gesanglichen Schlagabtausches springen beide auf einen langen Tisch, der während des Liedes gedreht wird. Dies unterstreicht den Kampf den beide gegeneinander ausfechten.

Auch die Kostüme können lobend erwähnt werden - Bei den Perücken muss man leider Abstriche machen. Deshalb hat man Gut daran getan soweit es möglich war auf künstliche Haare zu verzichten Bei den Sklaven und Ägyptern hat man mit Kopftüchern oder zusätzlichem Kopfschmuck gearbeitet, so dass insgesamt ein harmonisches Bild erzielt wird. Das ist besonders wichtig, weil das Ensemble nicht unbedingt "typisch nubisch" aussieht, sondern sehr gemischter ethnischer Herkunft ist.

Das liegt daran, dass – wie in den meisten Stadttheatern – nur die Hauptrollen gecastet werden, während das Ensemble und das Orchester des Hauses spielt. Das hat natürlich den Vorteil, dass die Produktionskosten nicht unnötig in die Höhe getrieben werden. Außerdem sind Ensemble und Orchester gut aufeinander eingestimmt. Apropos Orchester... Derzeit häuft sich die Kritik daran, dass bei großen Ensuit-Produktionen die Orchester immer mehr zusammengeschrumpft werden. Was dabei verloren geht, wird mehr als deutlich, wenn man -wie hier- hört und sieht wie es mit einem großen, sehr guten Orchester sein kann. Von meinem Platz aus hatte ich einen guten Blick in den Orchestergraben und es war eine Freude zu sehen, dass Musik noch echte Handarbeit sein kann. Besonders der Percussionist zog des öfteren meine Blicke auf sich. Für jeden noch so kleinen Ton holte er ein neues Instrument hervor. Von Zimbeln über Triangeln (nie wieder werde ich behaupten, Triangel sei ein leicht zu spielendes Instrument) zu Schellenkränzen und Trommeln. Musik ist Kunst und das was die Herren und Damen dort spielten lässt sich nicht am Keyboard samplen. Man hört den Unterschied.

Das Ensemble hat mich vor allem tänzerisch überzeugt. In Szenen wie "Another Pyramid" oder dem Manteltanz wirkte die Choreographie ebenso harmonisch wie mitreissend. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die klassisch ausgebildeten Nebendarsteller und Chormitglieder eher im Bereich Oper/Operette Zuhause sind. So klingen die Chorstücke zum Teil ungewohnt klassisch und auch Mereb und Nehebka (Marian Kalus und Anja Daniela Wagner) wirkten zwischen den Musicaldarstellern stimmlich stellenweise etwas fehl am Platz. Beide haben gut ausgebildete Stimmen, die aber - weil sie eher nach Oper klingen - nicht so recht in ein Popmusical passen wollen. Doch da beide Darsteller nur relativ wenig Gesangsanteil haben und darstellerisch ihren Rollen durchaus gerecht werden, kann man an dieser Stelle ruhig Fünfe gerade sein lassen. Zumal die zubesetzten Hauptrollen nichts zu Wünschen übrig lassen:
 

Aida wird von Nyassa Alberta verkörpert.  Meine Vorab-Recherche hat ergeben, dass die Holländerin bei Sister Act unter anderem die Deloris spielt. Ich selber habe sie aber vorher noch nicht gesehen und war entsprechend gespannt.



Ich wurde nicht enttäuscht. Nyassa Alberta ist eine wundervolle Aida. Sie hat eine tolle, volle, soulige Stimme und kommt sowohl kämpferisch als auch verletzlich rüber.

Femke Soetenga hat schon häufiger in Nordhausen auf der Bühne gestanden und ist in meiner Musical-Welt alles andere als eine Unbekannte. Ob als Milady in den drei Musketieren, als Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar oder als Mina in Dracula. Femke kommt, singt und siegt - wie eigentlich immer! 


Ich mag mich auch nicht immer wiederholen - ihr wisst schon, dass ich Femke sehr gerne höre und sehe und als Amneris hat sie mir auch wieder gefallen. Ihre Rolle ist eher an Willemijn Verkaiks Version der Pharaonentochter angelehnt, wie sie in Tecklenburg angelegt wurde (Mit waschechtem Wusch-wusch für alle Wicked Freunde).

Auch im Bezug auf Radames fühlte ich mich stark an die Tecklenburg Version erinnert (Und das nicht nur, weil Patrick Stanke erneut in die Rolle des obersten Feldherren schlüpft). Wie schon in der Freilichtbühnenfassung ist nicht von Anfang an klar, dass Radames Zosers Sohn ist. Stattdessen hat auch der Nordhäuser Radames seine Kindheit im Hurenhaus von Buto verbracht. Schon 2009 habe ich mich gefragt, ob diese Änderung irgendeinen Sinn hat oder die Geschichte weiter bringt. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Es stört mich jedenfalls nicht.




Patrick selber spielt routiniert - Es ist ja nach Essen und Tecklenburg schon das dritte Mal, dass er diese Rolle verkörpert. (Nein, ich sag jetzt nichts zum halbierten Körper). Ob deutsch oder englisch - Herr Stanke hats noch drauf.

Auch Kristian Vetter schlüpft als Zoser in eine vertraute Rolle. Er war bereits in Essen der intregante, machthungrige Strippenzieher und hatte wieder sichtlich Spaß an der Rolle des Bösewichts. Er hat eine wunderbar kraftvolle Rockstimme, die besonders bei "Like Father, Like Son" toll zur Geltung kommt.

Und auch das Publikum war begeistert. Ich habe mir zwei Vorstellungen angesehen -wenn man schon mal da ist- und beide Male ein vollbesetztes Theater und begeisterten Zwischen und Schlussapplaus erlebt. Ob jung oder alt, auch in der Pause hörte man durchweg positives Feedback. Die Auslastung des Theaters unterstreicht dies. Auch für die Vorstellungen nach der Sommerpause herrscht rege Nachfrage.

Wer die Musik und das Stück mag, wird von der Nordhausener (Nordhäuser?) Inszenierung begeistert sein. Die Ticketpreise liegen für die teuerste Kategorie bei ca. 25 €. Besser kann man für diesen Preis gar nicht unterhalten werden. Ich bin, seit es dieses Stück gibt, ein großer Fan der Geschichte. Für mich ist es eine wundervolle Mischung aus Romantik, Spaß und Drama. Deshalb kann ich es nur jedem wärmstens ans Herz legen.







(*) Vor Veröffentlichung des Musicals hat Elton John bereits 1999 ein sogenanntes Konzeptalbum herausgebracht, auf dem verschiedene international bekannte Künstler (Tina Turner, Lenny Kravitz, Janet Jackson u.a.)  Lieder aus dem Musical interpretieren. Am bekanntesten dürfte wohl die Version von „Written in the Stars“ (Sind die Sterne gegen uns) von Elton John und Lee-Ann Rimes, sowie „My strongest Suit“ (Mein Sinn für Stil) von den Spice Girls sein, da beide Songs auch als Singles ausgekoppelt worden sind und im Radio liefen.





Sonntag, 17. Februar 2013

Das Geheimnis des Edwin Drood, Münster

Da haben wir den Salat! 
Ich nehme mir vor immer schön zeitnah Blogs zu den gesehen Musicals zu schreiben und dann kommt mir das Theater in Münster mit SO einem Stück daher. Einfach drauflos schreiben ist da schwierig. Man will nämlich auf keinen Fall zu viel verraten. Aber einfach schreiben "Geht hin und lasst euch überraschen" ist vielleicht auch nicht grade das was ihr hören wollt, oder?
Wobei ich genau das getan und nicht bereut habe!
Was ich selber vorher wusste: Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte, die Hauptrolle heißt Edwin Drood und wird von Roberta Valentini gespielt. Ja, sie spielt einen Mann. Und auf meine Bitte nichts über den Ausgang zu verraten, weil ich das Stück vielleicht noch gucken möchte, wurde wissend gegrinst. JETZT weiß ich auch warum.
Niemand braucht sich die Finger in die Ohren stopfen (oder –hier- in die Augen) denn: Keiner weiß wie der Abend endet. Es handelt sich um eine Kriminalgeschichte… jein! Es handelt sich zumindest um eine Geschichte von Charles Dickens in der im 2. Akt ein möglicher Mörder gesucht wird. 


Wer das ist und warum konnte der Autor selbst nicht mehr entscheiden. Leider segnete Herrn Dickens vor Auflösung des Geheimnisses um den verschwundenen Edwin das Zeitliche.
Nun hat diese Tatsache aber niemanden daran gehindert, das Stück trotzdem auf die Bühne zu bringen. Sollen doch die Zuschauer selber entscheiden wie die Geschichte ausgeht. Denn im Prinzip kann es jeder gewesen sein, falls Edwin überhaupt tot ist. Das Stück kann also theoretisch jeden Abend eine andere Wendung nehmen. Wen also findet das Publikum am verdächtigste?
 
Da ist Edwins mysteriöser Onkel John Jasper, der einerseits ein Auge auf Edwins Verlobte Rose Budd geworfen hat und andererseits seine Nächte in der Opiumhölle der Prinzessin Puffer verbringt. Da sind die Geschwister Landless, die in der britschen Kolonie (Indien?) aufgewachsen sind und immer wieder mit Edwin aneinander geraten. Da ist der zwielichtige Bestatter Durdles und sein Gehilfe, die irgendetwas zu verbergen suchen. Und auch der Theaterschreiber Bazzard und der Pfarrer Chrisparkle sind verdächtig unverdächtig.  Und so machen sich Detektiv Dick ...?... und Prinzessin Puffer im 2. Akt auf die Suche nach Edwins Mörder.
Das Ensemble zählt ca. 45-50 Leute, die nicht unbedingt alle auf der Bühne agieren - natürlich haben nicht alle Anwesenden tragende Rollen (manche werden auch getragen).
 

Als Krimi-Liebhaber war mir schnell klar, dass es weniger um eine toll konstruierte Mördersuche geht, als viel mehr um den Spaß, den das Publikum bei einem mehr oder weniger interaktiven Stück hat. 

(c) Theater Münster

Ein Stück übrigens, das sich nicht eine Sekunde lang selber ernst nimmt. Ich glaube, soviel darf man verraten – denn wenn eine Männerrolle an eine Frau geht, verhält es sich mit dem Stück oft ähnlich, wie wenn man einen Mann in Frauenkleider steckt… In den meisten Fällen gibt’s dann eher was zu lachen, als zu weinen. Und so auch hier. MEHR verrate ich jetzt aber wirklich nicht!!!!!
Nur noch kurz zur Musik: Wie die Fallkonstruktion, ist auch die Musik eher nebensächlich. Man kommt zwar beschwingt und grinsend aus dem Theater und summt vielleicht auch ein bisschen vor sich hin – Trotzdem lebt dieses Musical vor allem von seinen skurrilen Typen, die man richtig gehend ins Herz schließt. und davon, dass sich auch die Darsteller gegenseitig auf die Schippe nehmen.

 Schlussapplaus (leider nur mit dem Handy)
Wer einen vergnüglichen Abend haben möchte und zum Lachen nicht erst in den Keller gehen muss, der ist in Münster richtig. Bei bezahlbaren Tickets zwischen 8 € und 30 € sollte man den Spaß ruhig mal ausprobieren - Ich verspreche euch: Es ist ein Musical wie ihr es bisher vermutlich noch nie erlebt habt. Das Theater ist übrigens auch sehr schön - vorbildlich ansteigende Reihen mit guten Blick auf die Bühne von überall. Die billigen Plätze ganz oben, sind allerdings vermutlich nicht für Personen mit Höhenangst geeignet und ganz vorne darf man keine Berührungsängste haben. Die Darsteller kommen mitunter „gefährlich“ nah (und das nicht nur während des Stücks).
Neugierig?

 

Besetzung

Prinzipal Gerhard Mohr
Edwin Drood Roberta Valentini
John Jasper  Axel Herrig
Rosa Budd Julia Lißel
Hochwürden Crisparkle Peter Jahreis
Helena Landless Johanna Marx
Neville Landless Dennis Laubenthal
Prinzessin Puffer Suzanne McLeod
Durdles Aurel Bereuter
Durdles' Gehilfe Tom Ohnerast
Bazzard Ilja Harjes
Horace Lars Hübel
Inspizient Tomasz Zwozniak

Donnerstag, 14. Februar 2013

HEROES, Christian Alexander Müller in Chemnitz

Christian Alexander Müller
in der Markus-Kirche, Chemnitz



Special Guests:
Roberta Valentini
Judith Lefeber
Patrick Stanke
Angelina Biermann




Set Liste

Go the Distance - Hercules
Man of la Mancha - The Man of la Mancha
The Quest - The Impossible Dream  - The Man of la Mancha
Gethsemane - Jesus Christ Superstar
Here on this Night - The Pirate Queen (mit Roberta Valentini)
Women - The Pirate Queen (Roberta Valentini)
Martin Guerre - Martin Guerre
Live with the one you love - Martin Guerre (mit Patrick Stanke)
Hol ihn heim - Les Miserables
One of those Moments aus dem Film Yentl
Papa can you hear me/Piece of Sky - Yentl

PAUSE

Ich muss erfahrn - Jekyll & Hyde
Dies ist die Stunde - Jekyll & Hyde (mit Patrick Stanke)
Welch ein Gefühl - Jekyll & Hyde (Patrick Stanke)
Die Konfrontation Jekyll & Hyde (als Duett mit Patrick Stanke)
Dich kennen heißt dich lieben - Mozart (mit Angelina Biermann)
Warum kannst du mich nicht lieben - Mozart
So einfach, so schwer - Aida (Judith Lefeber)
Sind die Sterne gegen uns - Aida (mit Judith Lefeber)
Wer kann schon ohne Liebe sein - 3 Musketiere (Roberta Valentini, Angelina Biermann, Judith Lefeber)
Wenn uns nur Liebe bleibt

Musik der Nacht - Das Phantom der Oper
 

ZUGABE
Einsam sind alle Sänger


Ich glaube fast, mit allem was ich bereits hier geschrieben habe, ist fast schon alles gesagt. Wer Christian Alexander Müller und seine Gäste schonmal live hat singen hören, der dürfte durch diese Songliste eine Vorstellung davon bekommen wie wundervoll dieses Konzert war. Die tolle Location in einer Kirche tat sein übriges um die Zuschauer zu verzaubern. Wer nur ein klitzekleines Herz für Musicals und tolle Stimmen hat, bekam hier alles geboten, was die Seele begehrt.


Samstag, 9. Februar 2013

Dracula, Pforzheim

Endlich hat mein Musicaljahr 2013 begonnen. Am Samstag ging es ab in den Süden - genauer gesagt nach Pforzheim, wo derzeit ein Hauch von Transilvanien in der Luft liegt.



Um den Mythos "Dracula" ranken sich viele Geschichten. Die wohl Bekannteste Version ist der Briefroman von Bram Stoker, an dem sich auch das Musical aus der Feder von Frank Wildhorn orientiert.

Der Immobilienmakler Jonathan Harker wird auf das Schloss des Grafen Dracula bestellt, um diesem ein Anwesen in London zu vermitteln. Schon bald bereut er es, diese Reise angetreten zu haben, denn Dracula ist ein sehr seltsamer Mann und im Schloss spielen sich unheimliche Dinge ab. Als Dracula ein Bild von Jonathans Verlobter Mina Murray sieht, erkennt er in Ihr seine Seelenverwandte und beschließt in England Verbindung mit ihr aufzunehmen. Schon bald erliegt erst Minas beste Freundin Lucy und bald auch Mina selbst den Kräften und der Verführungskunst des Grafen aus Transilvanien. Die Geschehnisse rufen den Vampirjäger van Helsing auf den Plan, der versucht die beiden Frauen zusammen mit Jonathan und Lucys ehemaligen Verehrern aus den Fängen des Vampirs zu befreien.
Collage gefunden über Google :)
Das Wildhorn Stück wurde 2004/2005 am Broadway gespielt. 2005 gab es die erste deutschsprachige Premiere in St. Gallen in der Schweiz. 2007 kam das Stück nach Österreich, wo es in Graz in einer Neuübersetzung gespielt wurde. Diese Version mit Thomas Borchert als "Dracula" und Uwe Kröger als "Van Helsing" ist vermutlich die Bekanntere, da es von dieser Show auch eine CD-Aufnahme gibt. In Pforzheim wird das Stück jedoch in der Übersetzung aus St. Gallen gespielt. Wenn man die Grazer CD oft und gerne gehört hat, irritieren die "unbekannten" Texte ein wenig. Trotzdem verlieren die Lieder dadurch weder an Stärke noch an Aussagekraft und gefielen mir nach ein wenig Eingewöhnung ebenfalls sehr gut. 
 

In der Musik erkennt man die Handschrift des Komponisten natürlich direkt wieder. Wie schon bei anderen Stücken aus seiner Feder, schafft Wildhorn auch bei Dracula Ohrwurm um Ohrwurm, fängt mit seinen Melodien eine Vielzahl von Gefühlen ein und macht das Stück dadurch abwechslungsreich. Es gibt rührende Herzschmerz-Balladen, lustig-beschwingte Lieder, Kampfansagen, manchmal gruselt man sich gar ein wenig (und das ist durchaus positiv gemeint). Wer es nicht nach Pforzheim schafft und die Musik noch nicht kennt, dem kann man die CD bedenkenlos ans Herz legen. Wie schon bei "Jekyll & Hyde" oder dem "Graf von Monte Christo" zeigt Wildhorn auch hier, dass er sein Handwerk versteht.





Youtube Kanal von : Entertainmentandmore

Musikalisch wird das Stück in Pforzheim durch erstklassige Hauptdarsteller abgerundet. Hier liegen die Stärken der Pforzheimer Inszenierung. Beim Bühnenbild müssen im direkten Vergleich ein paar Abstriche gemacht werden. Doch für eine Stadttheater-Aufführung ist die Kulisse solide gestaltet und wird dem Stück durchaus gerecht.
Mit schönen Ideen und Effekten wird das Bühnenbild zudem aufgewertet. Zum Beispiel werden auf einer Leinwand im Hintergrund hin und wieder Wellen oder Wolken projeziert. Dracula klettert an überdimensionalen Spinnweben hinauf, oder schwebt (durch ein Seil gesichert) auf die Bühne. Besonders gefallen hat mir eine Szene in der Tänzer im Dunkel und Nebel wie Fledermäuse kopfüber von der Decke hängen. An Nebel wurde insgesamt wenig gespart. Der Geruch nervt auf Dauer ein wenig, dafür sieht die neblige Bühne toll aus!
 

Was ich aber eigentlich sagen will: Es lebe das Stadttheater! Wie ich in den letzten Jahren immer wieder feststellen durfte, haben grade die Stadttheater im Bereich Musical viel zu bieten. Wer meint, in Deutschland gäbe es nur eine Hand voll Musicals und die auch nur in großen Städten wie Hamburg oder Berlin, dem kann ich (Gott sei Dank) sagen, dass er irrt! Natürlich sind die Großproduktionen wie "Tanz der Vampire" sehenswert, aber niemand sollte jammern, wenn ihm das Kleingeld für Städtetrips in den Norden oder Osten der Republik fehlt und sich über das Programm umliegender Theater informieren. Das lohnt sich - wie auch hier - wirklich sehr!
Denn auch bei den Darstellern werden kleine Produktionen jenseits der Long-Run Stücke immer beliebter. Deshalb findet man auch in Städten wie Bielefeld, Kassel, Nordhausen oder -in diesem Fall- Pforzheim große Namen auf der Cast-Liste.
Unabhängig davon, dass ich das Stück unbedingt mal Live auf der Bühne sehen wollte, haben mich im Falle "Dracula" unter anderem die Darsteller gereizt.


Als Mina Harker steht in Pforzheim die wundervolle Femke Soetenga auf der Bühne, die vielen Musicalgängern aus Tecklenburg (3 Musketiere, Jesus Christ Superstar) oder Stuttgart (Rebecca) in guter Erinnerung ist.



Ich glaube, dieses Bild vom Schlussapplaus sagt in Punkto Ausstrahlung mehr als tausend Worte. Gleichzeitig hat Femke eine großartige Stimme von der man sich in diesem Musical mehr als einmal überzeugen kann. Aber nicht nur stimmlich passt sie in die Rolle - auch darstellerisch kann sie als Mina glänzen. Ob lebenslustig, verliebt oder von Dracula verführt und verzweifelt - Femke verleiht Mina genau das richtige Gesicht. Wie schon zwei Sommer lang in Tecklenburg, hat sie mich auch hier wieder bis ins Detail von sich überzeugt.

Ihren Bühnenpartner Chris Murray als Dracula, habe ich das erste Mal live auf der Musical-Bühne gesehen. Von seiner Gesangsstärke konnte ich mich allerdings früher schon bei Konzerten überzeugen.



Hui... Was für ein Wahnsinns-Organ! Zu Beginn des Stücks hab ich das Orchester als unheimlich laut empfunden. Die Mikros der Darsteller waren vergleichsweise leise eingestellt. Einen Herrn Murray scheint das wenig zu jucken. Der singt einfach etwas lauter und bräuchte vermutlich überhaupt kein Mikro um auch noch in der letzten Reihe im Saal zu hören zu sein. Und auch während seiner Kletteraktionen bleibt die Stimme genauso laut und ausdrucksstark. Toll!

Im Gegensatz dazu blieb Thomas Christ als Jonathan Harker an diesem Abend ein wenig blass. Allerdings muss man dazu sagen, dass Thomas trotz schwerem grippalem Infekt tapfer, aber doch recht angeschlagen auf der Bühne stand. Ich denke, wenn er fit und gesund ist, klingt er ganz anders. Man hörte, dass auch er eigentlich ein sehr guter Sänger ist, dies aber aus oben genannten Gründen nur bedingt zeigen konnte. 

Die Inszenierung stellt Jonathan etwas bieder dar - nachdem Dracula sich durch Jonathans Blut verjüngt, altert dieser im Gegenzug stark. Das hat mir optisch nicht so gut gefallen, denn er verlor dadurch zusätzlich an Bühnenpräsenz.
Auch Lucys Verehrer Dr. Jack Seward, Quincy Morris und Arthur Holmwood wirkten auf mich einen Tick zu steif. Grade bei Liedern wie "Eh du verloren bist" (Sorry, ich kenne nur die Grazer Titel) hätte ich mir etwas mehr Feuer gewünscht. Trotzdem haben alle einen guten Job gemacht.
 

Richtig gut gefallen haben mir hingegen Lucy (Yvonne Luithlen), Van Helsing (Jon Geoffrey Godsworthy) und Renfield (Timo Päch), die mich sowohl darstellerisch als auch gesanglich überzeugt haben.



Und hier schließt sich der Kreis. Tolle Darsteller und eine insgesamt gute Inszenierung in Verbindung mit großartiger Musik machen Dracula zu einem absolut empfehlenswerten Stück.
Auch das Theater selbst macht direkt Lust darauf wieder zu kommen. Die Reihen sind allesamt ansteigend, so dass man nicht nur in der ersten Reihe keine störenden Köpfe im Blickfeld hat. Der Saal hat eine angenehme größe. Ich vermute, dass man von allen Plätzen relativ gut auf die Bühne gucken kann. Auch der Eintrittspreis verlockt dazu Wiederholungstäter zu werden. So kostet die erste Preiskategorie nicht mal 30 €. Da lohnt es sich auch mal ein, zwei Kilometer mehr in Richtung Süden zu fahren.




Ich glaube, man hört, dass das Publikum einen tollen Abend hatte :)


Mit vielen Ohrwürmern im Gepäck, jeder Menge Spaß vor-, nach- und während des Stückes, konnte ich auf der Rückfahrt nach Hause nur zu einem Fazit kommen: Das Theater-Jahr 2013 hat mit einem sehens- und hörenswerten Musical begonnen.




Montag, 31. Dezember 2012

Jahresrückblick 2012

Ich habe in diesem Jahr 28 verschiedene Stücke – viele davon mehrfach:
-          
 Rocky Horror Show, Oberhausen :-)
-          Hinterm Horizont, Berlin * :-)
-          Tanz der Vampire, Berlin :-)
-          The Full Monty, Dortmund :-)
-          Elisabeth, Essen :-)
-          Miss Saigon, Utrecht :-)
-          Wicked, Scheveningen + London :-)
-          Die Tagebücher von Adam und Eva, Datteln * :-)
-          Kein Pardon, Düsseldorf *
-          Hair, Hamm + Wuppertal
-          Company, Bielefeld *
-          Der Graf von Monte Christo, Leipzig * :-)
-          Marie Antoinette, Tecklenburg * :-)
-          In 80 Tagen um die Welt, Tecklenburg * :-)
-          Hairspray, Tecklenburg :-)
-          Die Päpstin, Hameln :-)
-          Rebecca, Stuttgart *
-          Dirty Dancing, Oberhausen *
-          Thrill me, Datteln *
-          Jesus Christ Superstar, Bremerhaven
-          The Who’s Tommy, Bielefeld *
-          Blood Brothers, London * :-)
-          The Bodyguard, London *
-          Billy Elliot, London :-)
-          Matilda, London *
-          Funny Girl, Dortmund *
-          Es war einmal… *
-          Rocky, Hamburg * :-)

...wovon 17 für mich neu waren (*)  
...fast genauso viele Musicals kriegen von mir dieses Jahr einen „Glücklich-Smile-Award“ :-)

Bei manchen müsste ich gleich 2 oder 3 Smileys machen, aber wir wollen mal nicht übertreiben.
Aber meine Lieblingsshows waren dieses Jahr auf jeden Fall: The Full Monty, Miss Saigon,  Die Tagebücher von Adam und Eva, Hairspray, die Päpstin (mit Sophie Berner) und Rocky!

Die meisten Musicals, die keinen Smiley gekriegt haben, sind aber trotzdem empfehlenswert und haben mir in anderer Produktion besser gefallen (z.B. Hair, Jesus Christ Superstar).

20 andere Shows (Galas, Konzerte und Veranstaltungen in anderen Bereichen) will ich auch nicht unter den Tisch fallen lassen.
Das Highlight war hier -mal wieder- die Sommernacht des Musicals in Dinslaken und auch die Pfingstgala in Tecklenburg war eindeutig ihren Besuch wert.

Ich war durchschnittlich 1,3 Mal pro Woche unterwegs und somit offiziell verrückt!

2012 war mal wieder ein verrücktes, tolles, interessantes, mitreißendes, abwechslungsreiches Musicaljahr. Ich hab viel gesehen, viel gehört, mit tollen Leuten auf der Bühne und mit mir im Zuschauerraum, hab schöne Orte besucht.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Rocky, Hamburg (Matinee)

Ich gebe zu, als ich das erste Mal von "Rocky - Das Musical" hörte, hab ich das Ganze für den größten Witz gehalten. Sylvester Stallone und die Klitschkos lassen einen Boxer singen? Was soll das denn? Wer will das? Wer braucht das?



Dann wurde die Cast bekannt gegeben und erste Songs und Bilder tauchten auf. Langsam aber sicher wirkte das Projekt immer weniger lächerlich und machte sogar neugierig. Nach der Premiere überschlugen sich die positiven Kritiken. Vielleicht passen Boxen und Musiktheater ja doch ganz gut zusammen?!

Das Musical basiert auf dem gleichnamigen Film von und mit Sylvester Stallone. Ich hab ihn mir bewusst vorher nicht angesehen und bin auch ganz froh, dass ich unvoreingenommen im Theater saß, keine Vergleiche ziehen musste und mich ganz neu auf alles einlassen konnte.
Die Geschichte beginnt Ende 1975 in Philadephia. Rocky Balboa ist 29 und es sieht so aus, als würde aus seiner Karriere als Boxer nichts mehr. Er hält sich mehr schlecht als recht mit Gelgenheitskämpfen in heruntergekommenen Boxschuppen und als Geldeintreiber für einen Typen namens Gazzo über Wasser. Auch in der Liebe scheint er einen aussichtslosen Kampf zu bestreiten. Denn Adrian, die er schon seit der Schulzeit liebt, ist zu schüchtern um mit ihm auszgehen. Doch so leicht gibt er nicht auf und mit viel Geduld gelingt es ihm sie für sich zu gewinnen.


 Youtube Kanal: UnitedMusicals

Unverhofft bietet sich die Gelegenheit den Boxkampf seines Lebens zu bestreiten. Der amtierende Weltmeister will gegen einen Underdog boxen und wählt Rocky für diesen Showkampf aus. Alle sind sich einig, dass er in der ersten Runde K.O. gehen wird. Doch er will sich nicht zum Gespött der Massen machen und trainiert hart. Sein Ziel ist es die vollen 15 Runden durchzuhalten und am Ende als würdiger Gegner erhobenen Hauptes aus dem Ring zu gehen.
 

Sylvester Stallone hat mit diesem Stoff in den 70er Jahren Filmgeschichte geschrieben und auch das Musical scheint ein riesiger Erfolg zu werden.  Und das zu Recht!

Es ist die Geschichte eines einfachen Mannes der sich -im wahrsten Sinne des Wortes- durchboxen muss. Rocky ist nicht besonders hübsch und es gibt ganz sicher hellere Kerzen im Leuchter. Das Schöne ist - er ist sich dessen bewußt und grade das macht ihn so sympathisch und glaubwürdig!

Drew Sarich ist wunderbar in dieser Rolle. Er spielt Rocky genau auf den Punkt. Mit dem Kopf ist es nicht so weit her, aber er ist ein durch und durch liebenswerter Kerl mit dem Herz am richtigen Fleck. Die Rolle verlangt eher darstellerisch und athletisch Höchstleistungen, gesanglich kann Drew nur bedingt zeigen was er tatsächlich drauf hat. Die Lieder sind insgesamt gesehen eher "kleine Liedchen", die die Handlung und die Charaktere untermalen sollen. Ich finde aber, dass sich die Musik sehr gut in das Stück einfügt. Würde Rocky große Arien schmettern, würde das einfach nicht zu ihm passen. Viele Texte sind eher zum schmunzeln und machen Rocky noch liebenswerter. Vielleicht sollte man die CD nicht unbedingt nach dem ersten hören beurteilen. Die Lieder machen viel mehr her, wenn man sie in Verbindung mit dem Stück sieht.

Auch Adrian wurden ihre Lieder auf den Rollen-Leib geschneidert. Durch Rocky entwickelt sie sich vom schüchternen Mauerblümchen zur selbstbewussten Frau, die auch mal das Wort gegen ihren teilweise tyrannischen Bruder erhebt. Die Entwicklung zeigt sich auch in ihren Liedern: Am Anfang klingt sie sehr melancholisch und einsam "Wenn es weiter regnet", während sie nachher bei "Vorbei" aus vollem Halse ihre Wut hinaus schmettert. Wietske van Tongeren kann hier einige Facetten präsentieren und ist phantastisch in dieser Rolle (wie eigentlich in jeder Rolle, in der ich sie bisher gesehen habe). Irgendwas hat sie in der Stimme und in ihrem Blick, das einem die Haut mitunter komplett mit Gänsehaut überzieht.


Photo: Stage Entertainment/Morris Mac Matzen
Die weiteren Rollen sind ebenfalls durchweg sehr gut besetzt. Aber das Stück lebt eindeutig von den beiden Hauptdarstellern und da kann man sich wirklich keine Besseren wünschen! Ich glaube, Drew Sarich und Wietske van Tongeren hätten mich nicht mehr umhauen könne, wenn sie mit Boxhandschuhen auf mich eingeschlagen hätten.

Bühnentechnisch ist das Musical vorallem beim Boxkampf am Ende ein riesen Spektakel. Sicher haben die meisten schon davon gehört. Bucht man "Golden Circle" - das sind die Plätze in der Mitte im vorderen Bereich, wird man vor dem Kampf vom Ringsprecher aufgefordert neue Plätze hinter dem Ring einzunehmen. Dieser wird dann in den Zuschauerraum verlagert, so dass eine "echte" Boxkampf-Arena entsteht. Das Ganze wird gut in die Handlung einbezogen. Danach laufen dann die Boxer ein. Man hat wirklich das Gefühl bei einem richtigen Boxkampf dabei zu sein.


Photo: Stage Entertainment/TicketOnline
Leider gab es in unserer Show technische Schwierigkeiten und zwischen dem Einlauf von Rocky und dem von Apollo gab es eine Unterbrechung. Ungünstiger hätte die Technik nicht schlappmachen können. Denn eigentlich war das Publikum grade so richtig in Stimmung. Und ich glaube, wenn alles reibungslos geklappt hätte, hätte der Saal richtig gekocht. Auch wenn die Stimmung sehr schnell nach "Wiederanpfiff" erneut grandios war. Denn grade als Publikum im vorderen Teil fühlt man sich als wär man selbst in der Show dabei! Der Kampf selber wirkt auf faszinierende Weise verdammt echt. Blut und Schweiß und fliegende Fäuste. Mehr als einmal musste ich den Atem anhalten. Ich hab mich bisher eigentlich nie fürs Boxen interessiert, aber das war schon ein echt geniales Spektakel!
Und auch sonst bin ich vom Bühnenbild mehr als begeistert. Beim Kulissenbau wurde viel Wert auf Authenzität gelegt. Rocky lebt in ärmlichen Verhältnissen im Philadelphia der 70er Jahre. Seine Bude, der Boxschuppen, wo er "keinen Spint" hat, der Schlachthof wo sein Freund Paulie arbeitet (kein Bühnenbild für Vegetarierer^^), Adrians Zoohandlung, alles ist sehr hübsch runtergekommen und toll gemacht! Hin und wieder wird mit Videokulisse gearbeitet, aber nie ist es "too much" - Soll heißen. Die Kulisse ist effektvoll ohne den Zuschauer zu erschlagen! Ich finde, die Bühnenbildner haben ganze Arbeit geleistet und auch optisch ein grandioses Musical auf die Bühne gezaubert. Ich mag die pompösen Kulissen à la Wicked oder Phantom der Oper, aber diese "aufwendig einfache Realtität" war total passend und stimmig!

Obwohl mein Erwartungsbarometer -seit der umjubelten Premiere- doch deutlich nach nach oben gestiegen ist, bin ich überrascht wie kurzweilig die Show ist, wieviel Spaß ich dabei hatte und wie begeistert ich am Ende war. Und nicht nur ich. Der fast ausverkaufte Saal ging bei jeder Szene mit. Es gab viel Zwischenapplaus, es wurde gelacht und auch mal dazwischengerufen. Ich kanns nicht anders sagen: Rocky ROCKT!
Ich würde es mir jederzeit gerne nochmal anschauen (Sponsoren melden sich bitte unter.... - nee, war nur ein Scherz...). Leider sind die gepfefferten Preise für gute Plätze schon etwas abschreckend. Trotzdem kann ich dieses Musical absolut empfehlen!


PS:
Das Tui Operettenhaus hat einen ziemlich großen PK 1 Bereich, der sogar vom sogennanten Golden Circle preislich noch getoppt wird. Auch wenn Rocky Balboa nicht viel Geld hat - Wer Rocky sehen will muss tief in die Tasche greifen! Das schien aber zumindest in der Sonntagsmatinee kaum jemanden abgehalten zu haben. Ehrlich - So ausgebucht hab ich ein Stagetheater nur bei Dernieren gesehen. Die freien Plätze konnte man höchstens an zwei Händen abzählen!
Wir saßen in der 10 Reihe ganz rechts. Vom Blickwinkel her hätte es gerne noch etwas mittiger sein dürfen, aber grundsätzlich war die Sicht auch von der Seite wirklich gut. Allerdings ist der Zuschauerraum so flach wie Holland. Ich hatte noch Glück, weil ich zwischen zwei Köpfen durchgucken konnte und so ca. 95 % der Bühne problemlos sehen konnte, ohne wie ein Boxer immer von links nach rechts tänzeln zu müssen. Aber wenn man Pech hat helfen nur Kindersitzkissen?! Ich verstehe manchmal nicht so richtig, was sich Theatererbauer eigentlich bei solchen Zuschauerräumen danken. Da lob ich mir die "neue Flora" und hoffe, dass im neuen Theater, was derzeit im Hamburger Hafen gebaut wird diesmal alles richtig gemacht wird.